
Daniel Richter & Jonathan Meese
Keine Angst vor Blamagen
22.05.2006, 08:00, Text:
Jan Kedves
Auf gemeinsam gemalten Bildern nennen sie sich selbst schon mal »zwei geile Sprotten«, Kenner bezeichnen sie eher voller Ehrfurcht als »Großkünstler«: Daniel Richter und Jonathan Meese haben sich vor über zehn Jahren vor der Hamburger Hochschule für Bildende Künste kennen gelernt und gehören mittlerweile zu den Berühmtheiten der Kunstszene. Groß sind beide tatsächlich – Richter schon körperlich, Meese ist laut Selbstauskunft zumindest »größenwahnsinnig«. Musik gehört zum Leben beider: Richter ist Inhaber des Hamburger Labels Buback, Meese hört gerne Abba und singt auch manchmal selbst. Zum Treffen in Daniel Richters Atelier in Altona, in einem Hinterhof gleich um die Ecke der Holsten-Brauerei, haben die beiden neben bester Plauderlaune eine Flasche Weißwein und einen geräucherten Aal mitgebracht.
Jonathan, du kooperierst immer wieder gerne mit anderen Künstlern. Daniel, du nur selten. Letztes Jahr habt ihr beide zum ersten Mal zusammengearbeitet, für die Ausstellung »Die Peitsche der Erinnerung« in Stade. Das hat ganz schön hohe Wellen geschlagen.
R: Ja, dabei hätten wir gar nicht damit gerechnet. Wir dachten, da würden vielleicht 50 Leute kommen oder so. Aber dann waren sogar die »Tagesthemen« da! Und wenn Ulli Wickert fünf Minuten über dich redet, dann ist ganz klar: Du bist bedeutender Künstler und eingemeindet. Das hat jetzt sogar meine Putzfrau verstanden. Grauenhaft! [lacht]
M: Für mich war die Ausstellung in Stade eigentlich die erste, auf die mich Leute im Dunstkreis von Ahrensburg angesprochen haben. Alte Schulfreunde zum Beispiel. Auf alles andere, was vorher woanders gewesen ist, hat mich nie jemand angesprochen.
R: So ist das eben, wenn man aus der Provinz kommt. Da lesen die Leute nicht Qvest, Spex oder Monopol, sondern das Ahrensburger Tageblatt oder die Lübecker Nachrichten.
Die Idee, sich in einer Ausstellung künstlerisch mit archäologischen Funden aus Stade auseinander zu setzen, stammte vom Stader Stadtarchäologen, einem alten Freund von dir, Daniel.
R: Genau, Andreas Schäfer. Von Kunst hat er eigentlich keine Ahnung, aber er hat sich gesagt: »Ich hab da doch diesen alten Kumpel, der ist da draußen in der Welt der Bürgerlichen anscheinend irgendwie aus Versehen bekannter Künstler geworden, der kann mir doch mal einen Gefallen tun.«
Jonathan zu fragen, ob er mitmachen will, war dann dein erster Gedanke?
R: Nein, der zweite. Der erste Gedanke war: »Ich mach das nicht.« Denn mit dem Ansatz, den ich sonst verfolge, der – wenn man es mal pathetisch sagen will – ja ein malereidiskursiver ist, hätte ich da gar nichts ausrichten können. Aber dann fand ich die Idee gut, mal was zu machen, was jenseits dieser ganzen Kunstbetriebsamkeit ist.
M: Und ich hab sofort gesagt: »Super!« Weil ich alles spitze finde, was mit Archäologie, Schatz finden und Piratentum zu tun hat. Bei mir geht da immer sofort das Gehirn auf. Und ich bin auch unglaublich für solche Nebenschauplätze. Ich finde es super, überall irgendwas zu machen. Hier mal einen Text abliefern, da ein bisschen Musik, hier noch ein Plattencover. Sich verschwenden. Diese ganzen Leute, die zu übervorsichtig sind, hab ich nie geschätzt.
R: Ich auch nicht. Das ist die Blamage-Angst. Die ist immer ein großes Problem des Hipstertums gewesen.
Ihr seid mit den Funden aus dem alten Bischofsgrab in Stade dann auch nicht gerade zimperlich umgegangen...
R: Nein, das war ein fröhliches Rumgealber. Aber als Provokation war das nicht gemeint. Forcierte Provokation und Kontroverse finde ich immer doof. Aber da standen dann doch lauter Leute, die unsere Mütter und Väter hätten sein können, und schimpften auf uns ein! Ich glaube, das Problem in Deutschland ist einfach, dass die Leute immer, wenn es um Geschichte und die eigene Identität geht, eine besonders sentimentale Auseinandersetzung damit erwarten. So einen befindlichen Geschichtsmatsch. Da haben wir mit unserer Anarcho- Albernheit aber eher einen lustigen Umweg genommen.
M: Richtig. Wir haben das einfach mit großem Humor und Liebe und Freundschaft gemacht. Ich fand aber auch interessant, dass die Leute in Stade noch die Fragen gestellt haben, die sich andere nicht mehr zu fragen erlauben. In dem ganzen anderen Umfeld, wo wir sonst unterwegs sind, gibt’s ja tausendmal mehr Heuchler, die in Wirklichkeit diese Fragen auch noch nicht überwunden haben. Die trauen sich nur nicht, sie zu fragen. Aus Coolness.
Dass eure gemeinsam entstandenen »Stader Bilder« eher nach Jonathan Meese aussehen als nach Daniel Richter, ist für dich kein Problem, Daniel?
R: Das haben natürlich alle festgestellt. Aber das ist doch egal. Dass das aussieht wie Jonathans Kram liegt daran, dass Jonathans Kunst eben auf Kürzeln beruht, auf einer extremen Reduktion. Dem kannst du dich nur anpassen, alles andere würde keinen Sinn machen. Wenn Jonathan versuchen würde, so zu arbeiten wie ich, dann hätten wir drei Jahre an dieser Ausstellung gearbeitet. Das wäre ja ein fürchterlicher Krampf gewesen.
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