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A Serious Man

Die Vorgärten der Umnachtung

25.01.2010, 12:27, Text: Alexander Dahas

Joel und Ethan Coen verzeichnen einen manischen Film-Output. Ihr Lieblingsthema scheint die absurde Provinzialisierung der Erfahrung zu sein. Immer wieder gut. Ihr jüngster Streich "A Serious Man" trägt noch dazu komische autobiografische Züge.

Als ausgemachtes Lieblingsthema der Coen-Brothers kristallisiert sich in den letzten Jahren so etwas wie die Provinzialisierung der menschlichen Erfahrung heraus - womöglich eine ausgesprochen amerikanische Angelegenheit und Quell einer bittersüßen Lebensanschauung. Der Stolz des kleinen Mannes nimmt hier regelmäßig biblische Proportionen an, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Wobei Stolz leider weder vor Lächerlichkeit noch vor Wahnsinn schützt: Unnötige Grausamkeiten und tragische Konsequenzen sind im Coen-Universum für jedermann zu haben, der Lerneffekt des Lebens wird demonstrativ heruntergespielt, und der schicksalhaften Fügung wird mit der Klarheit des Antialkoholikers ins Auge geblickt.


Einer, der seine eigene Hilflosigkeit bei besonders lebendigem Leibe erlebt, ist Larry Gopnik, ein ernsthafter Mann und College-Dozent, der von einem seiner Schüler erpresst wird und deswegen um seine Festanstellung bangen muss. Sein Privatleben hat sich zu dieser Zeit bereits längst in einen einzigen großen jüdischen Witz verwandelt: Ehefrau Judith will die Scheidung zugunsten eines enervierend pompösen Golflehrers, die Kinder behandeln ihren Vater wie einen Begriffsstutzigen, und der Bruder schmarotzt sich in Unterwäsche durchs Eigenheim. Larry steuert seinen Straßenkreuzer wie ein Zombie durch das Vorort-Idyll von 1967, in dem der Sommer der Liebe nur allzu langsam Einzug hält, während allerorten bereits die Neurosen blühen. Nichts sei komischer, heißt es, als der Versuch, mit Gewalt nicht komisch zu sein, und demzufolge kann es in dieser Tragikomödie niemand mit dem korrekt beschlipsten Helden aufnehmen, der sich mit immer poröserer Contenance durch die Vorgärten der Umnachtung kämpft.


Kritiker unterstellten der Geschichte bereits autobiografische Züge und den Coen-Brüdern einen Blick ins Familienalbum, was allerdings niemandem zu wünschen wäre. Denn trotz seines beschwingten Schritts und der perfekten Nuance der Darstellerleistung ist "A Serious Man" vor allem eine pedantische Studie stiller Verzweiflung, die existenzialistische Nöte und seelische Pein eben in der Nachbarschaft der Normalität ausmacht. Und während der Zuschauer durch Lachen erlöst wird und Larrys Sohn durch Jefferson Airplane, scheint es für den redlichen Helden der Geschichte kein Happy End zu geben.

A Serious Man (USA 2009; R: Joel & Ethan Coen; D: Michael Stuhlbarg, Fred Melamed, Richard Kind; 21.01.)



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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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