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Up In The Air / Jason Reitman

Fliegen und fliegen lassen

22.01.2010, 16:31, Text: Emanuel Bergmann

In Jason Reitmans ("Juno") neuem Film spielt George Clooney einen viel fliegenden Businesstypen, der sich nach Bodenhaftung sehnt. Die Moralkeule für den Kapitalismus - geschwungen von einem anständigen Jungen? Emanuel Bergmann traf den Sohn des "Ghostbusters"-Regisseurs Ivan Reitman.

"Up In The Air" ist die Geschichte eines unsichtbaren Geschäftsmanns, dessen Job es ist, Menschen zu feuern. George Clooney spielt den Downsizing-Spezialisten Ryan Bingham, der kreuz und quer durch Amerika fliegt, um Stellen abzubauen. Ein Mann ohne Eigenschaften, der in Business-Lounges und Airport-Hotels zu Hause ist, anonym und unbelastet. Doch nach einem One-Night-Stand mit einer toughen Geschäftsfrau dämmert dem Vielflieger, dass jede Reise ein Ziel braucht.


Jason Reitmans Film basiert auf einem Roman von Walter Kirn. Fast fünf Jahre hat Reitman an der Drehbuchadaption gearbeitet, oftmals in Flugzeugen und Hotels. "Einsamkeit ist mir sehr wichtig", erzählt er im Gespräch. "Und beim Reisen ist man sehr einsam. Man hat das Gefühl, überall zu sein, aber in Wirklichkeit ist man nirgends. Man sieht die Welt, aber man sieht sie aus einer Höhe von 7000 Metern." Und obwohl der Film zur Wirtschaftskrise passt wie die Faust aufs Auge, streitet Reitman es ab, eine politische Message liefern zu wollen. "Es geht mir nicht um Statements. Die Wirtschaftskrise ist in dem Film nur die Kulisse. Viel wichtiger ist mir die Geschichte eines Mannes, der versucht, sich selbst zu finden. Der Film soll wie ein Spiegel sein, in dem sich jeder selbst sehen kann."


Reitman ist gerne unterwegs. Allein seine Führerscheinprüfung war für ihn "so etwas wie eine Bar-Mizwa". Seinen ersten Flug hat er bereits 1977 erfolgreich absolviert, im zarten Alter von elf Tagen, von seiner Geburtsstadt Montreal in die USA, wo sein Vater, der Regisseur Ivan Reitman ("Ghostbusters"), an einem Film arbeitete. So was prägt. "Ich sitze gerne neben Fremden im Flugzeug. Einem Fremden kann man Dinge beichten, die man seinen engsten Vertrauten nicht erzählen würde. Ich saß mal neben einer Therapeutin, die mir im Flieger eine gratis Therapiestunde gegeben hat. Das war ziemlich schräg. Ich kannte die Frau gar nicht."

Von seinem in Hollywood so erfolgreichen Vater hat er als Kind nicht viel gesehen: "Er war oft am Set. Ich war viel allein." So spielt das Bedürfnis nach Familie in seinen Filmen immer wieder eine große Rolle. In seinem Debütfilm "Thank You For Smoking" (2006) geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, in dem Oscar-prämierten "Juno" (2007) um eine unerwartete Schwangerschaft. Auch "Up In The Air" versprüht, trotz aller Scharfzüngigkeit, einen Hauch von Hirschgeweih und Ledergarnitur. Man spürt das Bedürfnis nach Zuhause und Zugehörigkeit. "Echt?" fragt Reitman verblüfft. Er scheint seine Zweifel zu haben. "Ich bin mir nicht sicher. Oft frage ich mich, wie es wäre, in einer Stadt aufzuwachen, in der mich niemand kennt. Das ist eine Fantasie von mir."

Reitman erscheint nach einer Weile so zwiespältig wie seine Charaktere. Ein Familienmensch, der süchtig ist nach dem süßen Geruch von Flughafenlaufbändern. Er ist unrasiert, müde, nervös. Sein blasses Gesicht ist von einer schwarzen Strickmütze umrahmt. Erst mahnt er, dass uns die moderne Technik voneinander trennt, dann greift er zum iPhone, um eine Notiz für sein nächstes Twitter-Update zu machen. Er ist ein Filmfan, der damit kokettiert, europäisches Kino nicht zu mögen und bisher nur einen Film von Truffaut gesehen zu haben. "War ganz okay", meint er trocken.

Up In The Air (USA 2009 R: Jason Reitman; D: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick; 04.02.)



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aus Intro #179 (Februar 2010)
 
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