Das weiße Band
Michael Haneke im Interview: Kein schöner Land
28.09.2009, 16:47, Text:
Wolfgang Frömberg, Foto: Alfred Jansen
Michael Hanekes Film "Das weiße Band" wurde in diesem Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein spannendes Drama um rätselhafte Ereignisse in einem Dorf in Norddeutschland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Warum man an einen Horrorfilm wie "Das Dorf der Verdammten" oder auch an die Kinder aus dem Aphex Twin-Clip zu "Come To Daddy" denken muss, klärte Wolfgang Frömberg in Berlin beim Gespräch mit Michael Haneke ebenso wie die Frage nach der Realität ...
"If you close the door / The night could last forever" (Velvet Underground)
Michael Hanekes Filme, soviel ist spätestens seit seinem internationalen Durchbruch "Funny Games" (1997) einem breiteren Publikum klar, gehören nicht in die Kategorie der leichten Unterhaltung. Andererseits kann man sich ausgezeichnet mit Michael Haneke über seine Filme unterhalten.
Der Mann redet druckreif und beweist ordentlich Humor. Wer von ihm jedoch den Schlüssel zum Werk, einen Zugangscode erwartet, wird enttäuscht: "Mir sind alle Interpretationen recht. Weil ich der Meinung bin, dass jeder Film im Kopf des Zuschauers enden sollte und nicht auf der Leinwand. Und er endet im Kopf des Zuschauers, wenn der sich dazu eine Meinung bildet. Mir ist auch jedes Missverständnis recht. Wenn Sie den Eindruck haben, dass es ein Horrorfilm ist, dann soll es mir recht sein."
Wer etwa die Wirklichkeit in seinen Filmen sucht, erliegt schon einem Missverständnis, wie Haneke beim Gespräch in Berlin betont. Für ihn ist Film schließlich "24 Mal in der Sekunde die Lüge im Dienste der Wahrheit", wie er mal in einer Dokumentation erklärte. Wer also der Wahrheit in seinen Filmen auf die Schliche kommen will, muss die Lüge über sich ergehen lassen, sowohl in der Trilogie über die "Vergletscherung der Gefühle" (1989-1994) als auch in den nicht minder auf dem Moment der Irritation beharrenden Filmen seit "Code: Unbekannt" (2000). Zwar glaubt der Autor und Regisseur nicht daran, dass Filme etwas verändern können (zum Beispiel die Welt). Er hofft aber, dass sie uns beschäftigen. Allen, die es zu schätzen wissen, sich den Kopf zu zerbrechen, wird nun auch "Das weiße Band" zu denken geben, jener Horrorfilm, der Michael Haneke die Goldene Palme von Cannes einbrachte.
Hierarchien
Ein Dorf in Norddeutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg ist die ganze Zeit über präsent - als Phantom an der Seite einer schleichenden, unheimlichen Gefahr, welche die sowieso äußerst zersplitterte Gemeinschaft von innen endgültig zu zerschlagen droht. In diesem Sinne stellt der Krieg jenes von außen kommende Monster dar, das hinter der Türe lauert und am Schluss plötzlich in Erscheinung tritt. Für Michael Haneke ist der Krieg die logische Konsequenz "nicht des Films, sondern der allgemeinen Endstimmung, die um diese Zeit geherrscht hat. 1914 war das Ende des Feudalsystems. Da hat die Jahrhunderte alte europäische Welt aufgehört zu existieren - in dieser Hierarchie mit Gott, Kaiser, Vaterland und Eltern. Das andere sind ja nur Folgeerscheinungen des Zusammenbruchs."
Wenn man die historische Schlinge noch etwas fester zieht, erscheint das Monster in der Gestalt des aus den kaputten Einzelteilen zusammengeschweißten deutschen Volkskörpers und seiner folgenden Verbrechen bis 1945. Und Haneke gibt durchaus zu, "dass das so angelegt ist". Also wenn dies kein Horror-Szenario sein soll! Man muss nicht mal, wie bewanderte Cineasten, "Das Dorf der Verdammten" (1960) als Referenz heranziehen oder als Popjournalist an die Aphex Twin-Kids aus Chris Cunninghams Videoclip zum Track "Come To Daddy" denken, um an ein Genre erinnert zu werden, für das Haneke selbst sich allerdings kaum interessiert. Er schaue nicht oft Genre-Filme, bekennt er. Und kennt noch nicht mal Stephen King.
1 | 2 | ... weiterlesen »
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
VERWANDTE ARTIKEL
- » Michael Kiwanuka live - So war's i...
- » Dexter - Michael C. Hall Interview...
- » Donnerstag: RICHARD GEBHARDT und MICH...
- » Michael Jackson - Haarpracht wird ...
- » Unisonic - Kiske und Hansen: Heavy...
- » Amsterdam Dance Event 2011 - So wa...
- » Amsterdam Dance Event 2011 - Mitte...
- » R.E.M.-Split - Kommentar: Die größ...
- » Amsterdam Dance Event 2011 - Mitte...
- » In der Pixelhölle mit... - Anthony...
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...



