Louise Hires A Contract Killer
Schießen Sie auf den Vorgesetzten!
23.09.2009, 14:25, Text:
Christian Meyer
Warum nicht einfach den Boss umlegen? Die Arbeiternehmer einer Textilfabrik wollen ihre Entlassung nicht ungesühnt hinnehmen. Handelt es sich bei dem Film von Benoît Delépine und Gustave Kervern um eine rabenschwarze Komödie oder ...? Von Christian Meyer.
Picardie heißt der Landstrich, in dem Louise ihr Dasein fristet. Eine vergessene französische Region nahe der belgischen Grenze. Die lokale Wirtschaft liegt brach, nur die Textilfabrik in Louises Kleinstadt hält sich noch. Der Chef spendiert den Arbeiterinnen eines Abends neue Arbeitskleidung mit aufgenähten Namensschildchen.
Ein zynisches Abschiedsgeschenk, wie die Frauen am nächsten Arbeitstag feststellen müssen: Die Fabrikhalle ist leer, sämtliche Maschinen wurden nach Osteuropa verkauft. Übrig bleibt eine lächerliche Abfindung. Die Frauen wollen zusammenlegen, in etwas Sinnvolles investieren. Die mürrische Louise meldet sich zu Wort: Man könne das Geld doch für einen Profikiller verwenden, der den Chef umlegt. Nach kurzem, sehr kurzem Zögern stimmen alle zu. Die Wahl trifft auf Michel, dem zufällig im Vorbeigehen eine Pistole aus der Jacke fällt. Louise engagiert ihn sogleich. Leider ist Michel mindestens so naiv und trottelig wie sie selbst und kaum mit den Eigenschaften eines klassischen Profikillers ausgestattet – im Grunde kann er keiner Fliege etwas zuleide tun. Daher bittet er seine im Sterben liegende Cousine, den Job zu übernehmen – sie hat ja nichts mehr zu verlieren. Nachdem der Chef getötet ist, merken Louise und Michel aber, dass der gar nicht für die Schließung der Firma verantwortlich war. Also schießen sie sich gemeinsam langsam zum verantwortlichen Oberchef vor.
Der Versuch, mit dem deutschen Verleihtitel (im Original „Louise-Michel“) Kaurismäki-Fans ins Kino zu locken, führt ein wenig auf die falsche Fährte. Zwar kann man eine Verwandtschaft zwischen dem Film von Delépine/Kervern und Aki Kaurismäkis „I Hired A Contract Killer“ herstellen. Die Zielrichtung ist jedoch eine umgekehrte: Dort will sich ein fristlos Entlassener mithilfe eines Berufskillers ins Jenseits befördern, hier wollen die fristlos Gefeuerten den Chef killen. Letzteres scheint zeitgemäßer, momentan einfach nachvollziehbarer. Dass der Film im Original nicht nur nach den beiden Protagonisten benannt ist, sondern auch eine Anspielung auf Louise Michel ist, geht mit dem deutschen Titel komplett verloren, was schade ist, denn in ihrer Konsequenz stehen Louise und Michel der berühmten französischen Anarchistin in nichts nach, auch wenn ihnen das politische Bewusstsein vollkommen abgeht. So wirkt der Film mit seinem bitterbösen und grenzüberschreitenden Humor zunächst wie eine amoralische Keule. Bereits mit „Aaltra“ und „Avida“ hatten die beiden ihren schwarzen Humor unter Beweis gestellt. „Louise-Michel“, ihr erster Farbfilm, begleitet den verzweifelten Irrsinn zweier absoluter Verlierertypen ebenso radikal. Zur Identifikation eignen sie sich kaum, weder in ihrer Unzulänglichkeit noch in ihrer Skrupellosigkeit. Der sich zuspitzende Gendertrouble der beiden Figuren ist ein weiterer Dreh im Reigen der Abstrusitäten. Wohl fühlt man sich als Zuschauer in keinem Moment. Krebskranke zum Mord anstiften und Babys erschießen sind nun mal keine Tugenden. Allerdings: Trotz oder gerade wegen der Überzeichnung transportieren Delépine und Kervern auch mit „Louise Hires A Contract Killer“ soziale und politische Wirklichkeit in aller Konsequenz.
Louise Hires A Contract Killer (Louise-Michel)
F 2008
R: Benoît Delépine & Gustave Kervern; D: Yolanda Moreau, Bouli Lanners, Mathieu Kassovitz; M: Daniel Johnston; 24.09.
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