Die Strände von Agnès - Spiegelbilder der Erinnerung Artikelbild (groß)

Die Strände von Agnès

Spiegelbilder der Erinnerung

23.09.2009, 14:14, Text: Frank Geber

Die Filmemacherin Agnès Varda wird nicht müde, das Öffentliche und Intime, die Erinnerung und die Gegenwart zusammen in Bilder zu fassen. Offenbar kennt sie bis heute keine ästhetischen Schuldgefühle, weshalb sie seit Langem eine Klasse für sich darstellt. Von Frank Geber.

Agnès Varda hat mit 80 Jahren einen autobiografischen Film gedreht. Strände dienen darin als biografisches und ästhetisches Leitmotiv, als Ausgangspunkt für lapidar formulierte, nicht unpoetische Reflexionen. Varda spricht aus dem Off, aber auch direkt in die Kamera, zum Beispiel während sie rückwärts über den Strand spaziert, en passant ein aktualitätsgesättigtes Bild für Erinnerungsvorgänge abgebend. Erinnerung ist für Varda eine gegenwärtige Aktivität, bei der die aktuelle Situation schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken kann.


Zunächst sieht man die Regisseurin und ihr Team am belgischen Nordseestrand, wo sie während ihrer in Brüssel verlebten Kindheit regelmäßig mit ihrer Familie die Ferien verbrachte (bevor die Vardas vor deutschen Bombenangriffen fliehen mussten und nach Frankreich emigrierten), Spiegel in unterschiedlichen Größen und Rahmen aufstellen. Surrealistische Flohmarktszenerie. Ein wasserpfützenhaft im Sand eingegrabener Spiegel wie in Jean Cocteaus "Orphée". Reflexives Setting. Metaphern für filmisches Selbstporträt, fotografisches Abbild, Kadrierung. Die Crewmitglieder werden, über Spiegel in die Kamera blickend, gefilmt.

Varda porträtiert sich nicht ohne ihr Umfeld und verweist im Film auf den Vorgang des Filmens. Während sie Mädchen des 21. Jahrhunderts in anachronistischen Badeanzügen ein altes Urlaubsfoto nachstellen lässt, begibt sie sich unterbrechend ins Bild, nebenbei ein dichtes Gefüge aus Dokumentation, Fiktion, Inszenierung, Desillusionierung und Improvisation schaffend. Varda kenne "auf dem ästhetischen Sektor keine Schuldgefühle", womit sie sich "aus dem allgemeinen Kulturbetrieb herauskatapultiert" habe, schrieb Frieda Grafe 1967 in der Zeitschrift Filmkritik. Nun sind die Filmstreifen von "Les Créatures", ein Misserfolg Vardas, den Grafes Text verteidigt, Teil einer in der Fondation Cartier ausgestellten Installation. Varda ist im Kulturbetrieb längst akzeptiert.

In "Die Strände von Agnès" überträgt sie ihren "Fliegenschwarm" aus Erinnerungen formstreng in kaleidoskopisches Bilderchaos. Das breite, disparate Spektrum an Leuten, die sie traf (Fidel Castro etc.), mit denen sie arbeitete (Harrison Ford etc.), befreundet (Jim Morrison etc.) und verbündet (Chris Marker etc.) war. Vardas Filme der letzten 50 Jahre, aus denen sie Ausschnitte einmontiert. Erfrischende Selbstverständlichkeiten: Für Varda sind "normale Leute" diejenigen, die ohne viel Aufhebens als Juden Verfolgte vor der Deportation retteten; eine Definition von Normalität, die für deutsche Verhältnisse zu anspruchsvoll wäre. Situatives: Zurück im Brüsseler Elternhaus passiert nichts mit Varda, keine Erinnerungsschübe; stattdessen entsteht das Mini-Porträt eines Modelleisenbahnsammlers - der Hausherr, der Varda zufällig während der "Strände"-Dreharbeiten einlud. Erzähltonwechsel vom Clownesken (Varda im Kartoffelkostüm auf der Biennale in Venedig) zum Politischen (Vardas Doku über die Black Panthers) zum Intimen: der Trauer um Jacques Demy, ihren 1990 an den Folgen von Aids verstorbenen Lebensgefährten. "Die Strände von Agnès" ist nicht zuletzt eine "Orphée"-Variation. Varda, auf der Schwelle zwischen Tod und Alltag, holt Jacques Demy zurück ins vielgestaltige Leben einer gewitzten Filmemacherin.

Die Strände von Agnès
F 2008
R: Agnès Varda;





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aus Intro #175 (September 2009)
 
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