Taking Woodstock
Hippie im Herzen
14.08.2009, 15:26, Text:
Alexander Dahas
Wenn man sich die naive Freude ansieht, mit der Veteranen der Woodstock-Generation ihre eigene Vergangenheit hochleben lassen, fragt man sich als zivilisierter Mensch unwillkürlich, ob das wirklich erst 40 Jahre her ist.
Vielleicht gibt es einen Unterschied zwischen Menschenjahren und Hippiejahren. Das weggetretene Lächeln der Zeitzeugen kann einen jedenfalls bis in den Alltag verfolgen und bringt die Negativ-Stereotypen gleich mit. Wer denkt nicht gleich an den Flashback-geplagten Fusselkopf, der sich besser an Jefferson Airplanes Setlist erinnert als an die Namen seiner Kinder, die da "Trotzki" oder "Rainbow" lauten? Wer denkt nicht an den weinerlichen Besserwisser, der in Goa seinen Zehennägeln beim Wachsen zusieht oder an den alternden Sexprotz, der AIDS für das Werk einer Regierungsverschwörung hält?
Regisseur Ang Lee hat in Hollywood inzwischen schon einiges erlebt. Im Summer of 69 war er allerdings erst 14, lebte in Taiwan und dürfte Freie Liebe und ausschweifende Konzerte so unmittelbar erlebt haben wie die Mondlandung. Dementsprechend ist sein Blick auf das Festival von der Außenseiterperspektive des Nachgeborenen geprägt. Dieser Blickwinkel kommt zwar ohne Entdeckerstolz aus, wird allerdings von einer gewissen Second-Hand-Nostalgie geprägt. Die wiederum dient einem guten Zweck. Indem Lee die Kamera auf das Publikum statt auf die Performer richtet, entflieht die Geschichte der Musealisierung und räumt neue erzählerische Möglichkeiten ein. "Taking Woodstock" handelt auch von der kleinen aber tragenden Rolle, die ein junger Einheimischer bei dem Unternehmen spielt, das historische Konzert möglich zu machen.
Der hervorragend von Comedy-Shooting-Star Demetri Martin gespielte Elliot Tiber (im Film: Teichmann) hat eine Autobiografie selben Titels über seinen Beitrag zum Mythos geschrieben. Der bestand im Wesentlichen darin, den Organisatoren seine Veranstaltungslizenz abzutreten. Doch Tiber war wenige Wochen zuvor auch bei den Stonewall-Riots in New York anwesend, nachhaltig beeindruckt, und traute den friedensbewegten Blumenkindern als Verbündeten auf dem Weg zur schwulen Emanzipation offenbar einiges zu. Im Film wird Woodstock daher ausdrücklich als idyllisches Setting von Coming Out und Coming of Age inszeniert, als lustbetontes Lebensgefühl mit Toleranzbotschaft, das die 60er Jahre bitte überlebt haben sollte.
Dieser Twist in der Geschichte dürfte Lee, der dem Hedonismus der Babyboomer mit "Der Eissturm" schon einmal ein wesentlich negativeres Zeugnis ausgestellt hatte, dazu bewegt haben, sich erneut mit dem Thema auseinanderzusetzen und den Feelgood-Film zu drehen, den er sich laut Eigenaussage inzwischen verdient habe. Natürlich musste "Taking Woodstock" auf die Mitwirkung der einschlägigen Musiker verzichten, kompensiert das aber durch liebevoll durchgestylte Ausstattungs-Details, die Ästhetik und Bildsprache des populären Konzertfilms augenzwinkernd aufgreifen. Dass man sich (sub)kulturellen Phänomenen auch über die Flanken nähern kann, um die Essenz abzubilden, zeigte an ganz anderer Stelle bereits Sung Hyung Chos bestürzend komische Wacken-Doku "Full Metal Village", die ebenfalls ohne das Geschehen auf der Bühne auskam und den Zuschauer mit Heavy Metal als abstrakter Drohung konfrontierte. Auch Lees Film spielt mit der Vorbildung seines Publikums, schmust sich aber im Zweifel lieber durch diverse inhaltliche Manöver an durchaus gängige Motive heran. Der obligatorische LSD-Trip darf also ebenso wenig fehlen wie milde Nacktheiten. Dafür gibt es dann allerdings auch Liev Schreiber als Transvestit mit gesellschaftlichem Durchblick zu sehen. Frieden auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen.
Taking Woodstock
USA 2009-07-27
R: Ang Lee; D: Demetri Martin, Imelda Staunton, Emile Hirsch; 03.09.
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