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9to5 - Days In Porn

Rein und raus tagaus, tagein

08.07.2009, 14:16, Text: Wolfgang Frömberg

Die Seele der Fleisch verarbeitenden Industrie: Regisseur Jens Hoffmann hat sich ins San Fernando Valley aufgemacht, um einen Dokumentarfilm über die dort blühende Pornofilm-Landschaft zu drehen. Das Ergebnis gibt zu denken. Von Wolfgang Frömberg.

Schon früh im Verlauf von "9to5 - Days In Porn" beschleicht einen der Gedanke, dass ein eher anachronistisches Geschäft dokumentiert wird. Von einer Krise in der Pornoindustrie, selbst der "Multi-Billionen-Dollar-Industrie" im San Fernando Valley, das Regisseur Jens Hoffmann als Schauplatz seiner Charakterstudien wählte, ist nicht die Rede. Der Boom der Pornografie im Internet wird ebenfalls ausgeklammert. Fast hat man den Eindruck, Hoffmann wolle hinter der Verhuschtheit der Mainstream-Rezension einer qua Verkaufs- und Clickzahlen Mainstream-Kultur so etwas wie Romantik hinter den Kulissen entdecken. Aber damit tut man Hoffmann unrecht. Er sucht den Alltag. Und der ist hässlich.


Ein wenig wundern darf man sich aber doch, wenn das in den letzten Jahren wellenartig im Mainstream virulente Thema Pornografie von einer "objektiven" Warte aus betrachtet werden soll. Immer schön wertfrei ran an die Sache? Beiseite gelassen, was manche Leute in der Freizeit so mit ihrem moralischen Zeigefinger anstellen: Es macht einen Unterschied, ob eine Frau über Pornografie spricht oder ein Mann. Immerhin gibt sich Hoffmann in seiner frei gewählten Objektivität Mühe, exemplarische Figuren aus allen Bereichen des Business' vor der Kamera sprechen zu lassen.
So bringt er ein interessantes Spektrum an Kaputtheit zum Vorschein: Da wäre der Agent Mark Spiegler, der sich wie ein Ersatzvater inszeniert. Wir staunen über die gerade erst volljährige Sasha Grey, deren Traumberuf die Pornodarstellerei ist. Extrem verstörend kommt das Pärchen Otto Bauer und Audrey Hollander herüber, das sich zunächst als super-neoliberales Geschäftsmodell vorstellt, um im Folgenden immer mehr den Eindruck zu erwecken, es handele sich um zwei vom Schicksal aneinandergekettete lebende Tote. Vornehmlich da, wo Bauer unter einer blonden Darstellerin keucht und Machosprüche klopft, während Audrey mit diesem I've-been-down-so-long-it-looks-like-up-to-me-Habitus durch die Kulisse springt. Im Abspann heißt es lakonisch, es gehe ihr inzwischen besser. Zu dem illustren Cast gesellt sich unter anderem ein "Punk", der Pornos produziert und nicht mal weiß, auf welcher DK-Platte der Song "Nazi-Punks Fuck-Off" drauf ist. Außerdem die leidgeprüfte und hilfsbereite Dr Sharon Mitchell und die mega-erfahrene Aktrice Roxy Deville. Nicht zuletzt Roxy Devilles so geerdete wie würdevolle Selbstbehauptung führt uns zum Gedanken, dass man mit erhobenem Haupt durch jeden miesen Job gehen kann. Unerträglich dagegen der Porno-Regisseur Andrew Blake, der ungeniert von der Erfüllung einer künstlerischen Vision faselt, wo es schließlich um eine möglichst funktionale Präsentation der alten Rein-und-raus-Turnerei geht.

Zwischen Andrea Dworkins PorNo und dem auf Annie Sprinkle zurückgehenden Begriff Post Porn gibt es sicher lohnenswerte Alltagsbeobachtungen zu machen, die über die Produktion und Konsumtion von Pornografie hinausgehen. "9to5 - Days In Porn" ist dafür zu loben, den "objektiven" Blick (der ein männlicher ist) so lange draufzuhalten, bis man gezwungen ist, sich dazu zu positionieren. Kein Film für bequeme Gemüter und auch keiner, der seine Protagonisten ausbeutet. Zum Aufgeilen ist für Freunde der Musik höchstens der Soundtrack mit Beiträgen von Brant Bjork, The Dwarves, WhoMadeWho u. v. m. geeignet.

9to5 - Days In Porn
D 2008
R: Jens Hoffmann; D: Sasha Grey, Belladonna, Otto Bauer;



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aus Intro #173 (Juli 2009)
 
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