Public Enemy No. 1
Gewalt und Moral
25.02.2009, 16:16, Text:
Martin Riemann
Ein Epos über den berüchtigten Gewaltverbrecher Jacques Mesrine? Jean-François Richet kommt mit 90 Minuten nicht aus, um die Lebensgeschichte des in Frankreich sehr populären Gangsters zu erzählen. Martin Riemann sprach mit ihm über das zweiteilige Biopic.
Jacques Mesrine gelang es in den 60er- und 70er-Jahren, sich in seinem Heimatland Frankreich zu einer Ikone zu stilisieren. Seine Gewaltverbrechen waren an Dreistheit und Wagemut kaum zu überbieten. Dabei ließ er gerne den Staat als machtlos dastehen und erfreute sich deshalb bei der Bevölkerung allgemeiner Beliebtheit. Seine Autobiografie "Der Todestrieb" war ein nihilistischer Husarenstreich voller Mordgeständnisse, der die Autoritäten offen herausforderte. Regisseur Jean-François Richet und sein Hauptdarsteller Vincent Cassel widmen dem ehemaligen Staatsfeind Nr. 1 mit gleich zwei "Public Enemy No. 1"-Filmen ("Mordinstinkt" und "Todestrieb") ein hervorragend besetztes Gangsterepos, das an Rasanz und Bleigehalt kaum etwas zu wünschen übrig lässt.
Mesrine lernt sein mörderisches Handwerk im Algerienkrieg, arbeitet sich mit Einfallsreichtum und Skrupellosigkeit zum berüchtigtsten Verbrecher Frankreichs hoch, entkommt auf verblüffende Weise immer wieder dem Arm des Gesetzes - und bändelt dabei sowohl mit rechts- als auch linksextremen Terroristen an. Der Regisseur konzentriert sich hauptsächlich auf Mesrines spektakuläre Taten, dessen Gefängnisausbrüche und Liebesleben, was sich wohltuend auf den Unterhaltungswert der Filme auswirkt, aber auch eine Menge Fragen offen lässt.
Die im "Public Enemy No. 1"-Epos gezeigten Taten Mesrines sind derart haarsträubend, dass man sich oft fragt, ob das wirklich alles wahr sein kann. Haben Sie bei Ihrer Recherche eine Grenze zwischen Wahrheit und Legende ziehen können?
Mesrine hat in seinem Buch "Der Todestrieb" natürlich an der eigenen Legende gearbeitet. Ich habe sehr viele Menschen getroffen, die in den Fall involviert waren, und ich habe alle Bücher gelesen, die es zu diesem Thema gab. Die Schnittmenge davon war das Rückgrat meines Drehbuchs.
Sie würden also sagen, dass das, was man im Film sieht, tatsächlich passiert ist?
Es ist zumindest nichts falsch wiedergegeben, der Rest ist natürlich Fiktion. Wenn man 20 Jahre auf vier Stunden komprimiert, ist es immer eine Fiktion.
Hat Ihre Recherche Ihr Verhältnis zu Mesrine verändert?
Es wurde eigentlich das bestätigt, was ich von vornherein angenommen habe: Ich habe eine Figur kennengelernt, die trotz allem einen Sinn für Ehre hatte.
Es ist interessant, dass Sie zuerst die Ehre erwähnen - Mesrine fiel mir vor allem durch seine Brutalität und seine Chuzpe auf.
Wenn er sein Wort gibt, dann hält er es auch. Nehmen Sie das Versprechen, die ehemaligen Gefängnisgenossen aus dem Hochsicherheitstrakt zu befreien. Er hielt es, obwohl er dabei sein Leben riskierte. Das bedeutet nicht, dass alle seine Taten zu entschuldigen wären. Was sein Wort betrifft, hatte er aber nun mal ein besonders hohes Moralverständnis.
Was den Film für viele bestimmt reizvoll macht: Mesrine findet auf jedes Problem eine gewalttätige Antwort.
Er ist ein Mann, der direkt auf den Tod zugeht. In seinem Buch bekennt er sich zu 40 Morden. Die gezeigten Mordsequenzen sind zu 51 % echt, aber ich habe immer noch 49 % Zweifel. Die Polizei konnte ihm übrigens nie auch nur einen Mord nachweisen.
Wäre der Lebenslauf einer solchen Figur heute noch möglich?
Mesrine hatte damals auf der Flucht immer die Muße, politische Reden zu schwingen. Im heutigen Informationszeitalter würde er so keine Woche auf freiem Fuß bleiben. Er hätte also gar keine Zeit, an seiner eigenen Legende zu stricken. Außerdem wurde er damals stark von der linken Presse unterstützt. Und heute gibt es in Frankreich keine linke Presse mehr.
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