Slumdog Millionär
Der Oscar-Abräumer: Glück im Spiel
27.02.2009, 16:06, Text:
Alexander Dahas
"Slumdog Millionär" ist mehr als eine Cinderella-Story in der Ästhetik eines Videoclips. Danny Boyle setzt auf ein Märchen à la "Rocky" mit Bollywood-Best-of-Ensemble. Alexander Dahas sah einen spannenden Film und ließ sich von Danny Boyle aus Indien erzählen.
In "Slumdog Millionär" gibt es einen Moment, wo man zu wissen meint, dass Jamal, der Quizshow-Teilnehmer aus Mumbais Elendsquartieren, wohl mit dem Preis nach Hause gehen wird. Nicht weil man dem Kandidaten mit dem scheuen Blick plötzlich das nötige Spartenwissen zutrauen würde, sondern weil man mit einem Mal eine Dramaturgie am Werke sieht, für die andere Möglichkeiten nicht mehr in Betracht kommen. "Slumdog Millionär" ist ein Märchen, wenn auch kein durchgehend schönes, und irgendwann sollte ein Märchen zum typischen Schluss kommen.
Dass die Außenseiterstory im Kampf um die Oscars ausgerechnet gegen "Benjamin Button" antrat, ist von beinah poetischer Dimension. "Slumdog Millionär" ist visuell ähnlich ansprechend und genauso selbstbewusst, bietet statt der stilisierten Lebensmüdigkeit von David Finchers Film allerdings eher emotionale Diesseitigkeit.
Das Märchen dreht sich um Jamal, einen Waisenjungen aus den Slums, der früh zu einem Leben in der Kriminalität erzogen wird. Er weiß, auf welchem Geldschein Benjamin Franklin zu sehen ist, bei Gandhi ist er sich nicht so sicher. Jamals prominentester Wesenszug ist eine einschüchternde Dickköpfigkeit, die der Junge auf alles anwendet: Leben, Liebe, Quizshows. "Erst, als wir den Film auf dem Festival von Toronto aufgeführt haben, wurde mir klar, dass es in dem Film im Wesentlichen um dieselbe Geschichte geht wie in 'Rocky'", sagt Danny Boyle. "Und in Amerika müssen die Leute diese Geschichte jedes Mal aufs Neue erzählt bekommen, in leicht abgewandelter Form. Das hat nichts mit der Nationalität zu tun oder dem Exotismus, sondern bloß mit dem menschlichen Geist: 'Wir können es schaffen.'" Ein bisschen Obama-Flair also auch für Boyle, dessen Karriere mit dem kommerziellen Flop von "Sunshine" in den USA schon als beendet galt. Der Regisseur behauptet, vor "Slumdog Millionär" "keine Ahnung von Indien gehabt" zu haben, ganz zu schweigen von Mumbai mitsamt seinen allgegenwärtigen Gegensätzen, seiner Bürokratie und der haarsträubenden Korruption. "Man denkt als Kolonialist immer erst einmal, man fährt dahin, um die Leute zu belehren. Wenn man aber erst da ist, stellt man fest, dass man selbst etwas zu lernen hat, und man lernt dann auch. Filmemachen zum Beispiel."
"Slumdog Millionär" ist zu einem Drittel auf Hindi gedreht worden und versammelt in Nebenrollen eine ganze Reihe Akteure, die in Indien Stars sind, ob als Autoren oder ihrerseits als Regisseure. Dadurch entsteht der unheimliche Effekt, einer Art Bollywood-Best-of beizuwohnen, das durch Umetikettierung den Sehgewohnheiten des "Trainspotting"-Publikums schmeichelt. Bis zu einem gewissen Grad jedenfalls. "Die Folterszene gleich am Anfang wird von amerikanischen Zuschauern mit schuldbewusstem Schweigen quittiert, als sei das wegen Guantanamo ihre Schuld. Dabei ist die Sequenz als Comedy-Szene gedacht gewesen - und wird auch so gespielt. Im Westen lacht keiner darüber. In Indien wird das als Selbstverständlichkeit angesehen. Wenn man aus armen Verhältnissen kommt und die Polizei einen aufgreift, versteht es sich fast von selbst, dass man ein bisschen herumgeschubst wird. Weil die Szene in einer Polizeiwache spielt, mussten wir sie von den indischen Behörden absegnen lassen, die wir deswegen angeschrieben haben. In ihrer Antwort hieß es, die Folterszene sei in Ordnung, solange niemand über dem Rang eines Polizeiinspektors daran beteiligt ist. Und dann denkt man natürlich: 'Ach, so ist das.'"
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