Milk
USA 2008; R: Gus Van Sant; 19.02.
09.02.2009, 17:50, Text:
arno raffeiner
Totale statt Verfolgungsfahrt, straffe Chronologie statt zeitloses Mäandern: "Milk" markiert Gus Van Sants Rückkehr zur prosaischen Form. Und zum Film mit eindeutiger Botschaft. Aber der Triumph des Hauptdarstellers benennt auch ein Dilemma.
Wir schreiben das Jahr 1977. Harvey Milk zieht nach mehreren erfolglosen Wahlkämpfen als City Supervisor in das Stadtparlament von San Francisco ein. Nur ein Jahr später wird er im Rathaus ermordet. So lautet die Kurzfassung von "Milk", der Lebensgeschichte des ersten offen schwulen Mannes, der in den USA in ein relevantes politisches Amt gewählt wurde.
Manierismen verbietet sich Gus Van Sant angesichts dieses Stoffes. Stattdessen zielt er auf das große Publikum. Die poetische, immer ein wenig fragmentarisch bleibende Filmsprache von "Gerry" oder "Paranoid Park" wird im Porträt des Gay-Rights-Aktivisten Milk von der standardisierten Hollywood-Formel "Biopic" abgelöst. Was dem Gegenstand durchaus angemessen erscheint, und zwar in doppelter Form.
Dass der Regisseur eine klassische und derzeit ungemein populäre Erzählweise gewählt hat und dass er Milk als heroischen, ja, märtyrerhaften Kämpfer für uramerikanische Werte zeichnet, zeigt zum einen, wie wichtig er sein Thema nimmt. Und zweitens betreibt auch Harvey Milk alles andere als ein Versteckspiel. Offenheit und Eindeutigkeit sind ihm als Anliegen so wichtig wie sein Kampf gegen die "Proposition 6". Supervisor Milks erfolgreiche Kampagne gegen jene Gesetzesvorlage, die alle Homosexuellen und sogar deren SympathisantInnen aus dem Schuldienst hätte verbannen sollen, spiegelt sich nun unerwartet in der "Proposition 8" wider, die Ende 2008 (deutlich nach Drehschluss) verabschiedet wurde und gleichgeschlechtliche Ehen in Kalifornien wieder verbietet. Van Sant kommt also einen Tick zu spät. Obwohl er in fast schon devot anmutender Haltung mit diesem Film alles richtig machen wollte, zum Beispiel bei der Besetzung der Hauptrolle mit einem prominenten Hetero. Der hat sich in einer zweifellos Oscar-würdigen Performance so sehr in Harvey Milk verwandelt, dass man sich fast ununterbrochen fragt, ob da wirklich der alte Macho Sean Penn auf der Leinwand zu sehen ist. Dieser Triumph Penns steht letztendlich auch für eine Niederlage Van Sants und seines Anliegens. Nennen wir es den "Brokeback Mountain"-Fluch: Auch über dreißig Jahre nach Harvey Milks Ermordung sind in Hollywood offensichtlich keine schwulen Schauspieler zu finden, denen man die entsprechende Publikumswirksamkeit oder auch nur die schauspielerische Fähigkeit für ein solch hymnisches Biopic zugetraut hätte.
Milk (USA 2008; R: Gus Van Sant; D: Sean Penn, Josh Brolin, Emile Hirsch, James Franco, Diego Luna; 19.02.)
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