Fest der blank liegenden Nerven
24.10.2008, 09:00, Text:
Roman Jensen
Wer hätte damals auf dem Fantasy-Filmfest gedacht, dass aus diesem fiesen kleinen Sprössling namens “Saw” mal ein Gewächs mit derartig vielen Ablegern werden würde! Die prominenteste Horrorfilmreihe des neuen Jahrtausends sammelt gerade Fortsetzungen wie Menschenfresser Schrumpfköpfe. In den nächsten Jahren dürfte sie die populären Franchisen von Freddie, Jason und Chucky hinter sich lassen. Und daran, dass es so weitergeht, besteht eigentlich wenig Zweifel. Offenbar haben die Verantwortlichen dieser innovativen Menschenpuzzles gleich in mehrfacher Hinsicht einen blank liegenden Nerv getroffen.
Zunächst einmal fühlt man sich aufs Angenehmste an all die Baumarkt-Reklamen erinnert, die endlich wieder Eigeninitiative und Kreativität im heimischen Folterkeller fordern, anstatt sich mit vorgefertigten Amokläufen und 08/15-Blutbädern von der Stange zufrieden zu geben. Ein DIY-Gedanke, der gerade im Zeitalter globalisierter Massenmärkte und gesichtsloser Produktpaletten so erfrischend ist wie ein kühles Säurebad nach einem heißen Tag in der Zwangsjacke. A propos gesichtslos: ist es nur Zufall, dass “Saw V” zu so aktuellen Themen wie Stehgreif-Schönheitschirurgie oder Speed-Dating im Kannibalenforum Stellung bezieht? Wohl kaum. Bei der Serie fällt auf, wie liebevoll entmenscht die Laubsägearbeiten am lebenden Objekt dargestellt werden. Das fängt schon beim schwer derangierten Personal an, das seine pathologische Persönlichkeit vor sich herträgt wie ein Strahlenopfer seinen Hirnschwamm. Es muss auch nicht immer alles klinisch sauber sein, so eine weitere liebenswerte Message der Filmreihe, die ihre gefühlskalten Menschenmetzger gerne in romantischer Rostoptik ablichtet, wobei sie beiläufig für die Erhaltung traditioneller Kulturartefakte eintritt. In “Saw V” kann das auch mal die gute alte Guillotine sein, deren sachgemäße Handhabung vielen Jüngeren heute gar nicht mehr geläufig ist. Abgetrennte Arme, entweihte Körper, zerfledderte Innereien – auch hier warnt der Film vor minderwertigen Billiganbietern und führt demonstrativ das Kontrastprogramm vor. “Saw V” profitiert darüber hinaus von einer gekonnten Reflexion des bisher Geschehenen. Die Geschichte von Jigsaw, dem gemütsgetrübten Helden der Saga, wird elegant mit den Ereignissen um den verstümmelten Polizeiermittler Strahm verwoben. Als Überlebender von Jigsaws als humorlos verschrienen Selbstertüchtigungsprogrammen hat er es sich in den Kopf gesetzt, die letzten noch ausstehenden Fallen zu knacken und eventuell herumlungernde Nachahmungstäter auf links zu bürsten. Derlei Ehrgeiz ist gut aufgehoben bei David Hackl, dem Regisseur mit dem lautmalerischen Namen, der für “Saw V” erstmals den Chefsessel erklomm. Wohlgemerkt nicht ohne die entsprechenden Referenzen. Als Produktionsdesigner der Teile II,III und IV lernte er das malerische Massakrieren gewissermaßen von der Pike auf, was sich natürlich ausgesprochen positiv auf die schummrige Schlachtbankästhetik von Teil V auswirkt. In den 92 Minuten dieses – alle Erwartungen erfüllenden - Sequels finden sich dann auch erneut beeindruckend hemmungslose Spielarten triebgesteuerter Perversion, die bei aller Geringschätzung für Leib und Leben ihrer Opfer eine tiefe Bewunderung für die Möglichkeiten menschlicher Phantasie an den Tag legen. Sehenswert. Ab 15.01.2009 im Kino (Kinowelt)
erschienen in Projektor Dezember 2008 (Promotionbeilage von Intro)
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