Palermo Shooting
Wie zerflossene Uhren
27.10.2008, 13:58, Text:
Christian Meyer
Leben, Einsamkeit, Sinn - und die Suche eines Mannes namens Finn. Campino spielt in Wim Wenders' "Palermo Shooting" einen Starfotografen, der in Italien durch die Gassen streunt. In einer Jukebox erscheint ihm Lou Reed als Geist. Und Dennis Hopper ist der Tod.
Die schlechte Nachricht zuerst: In Wim Wenders' "Palermo Shooting" versucht sich Campino als Schauspieler. Die gute: Er singt nicht. Campino spielt einen Starfotografen in der Midlife-Crisis. Finn kreist in hohem Tempo zwischen Kunstbetrieb und Modefotografie, versucht beides in der Balance zu halten, hat aber weder an dem einen noch dem anderen wirklich Interesse. An der Modefotografie hängt ein riesiger unpersönlicher Apparat. Die digital konstruierten künstlerischen Arbeiten wirken leblos, und der ihn umgebende Luxus langweilt Finn. Nach einem Beinaheunfall trifft er in einer Eckkneipe den Geist von Lou Reed, der ihn fragt: "What do you fear most? Death?" Nach einem Fotoshooting in Palermo bleibt er ohne sein Team zurück. Durch die Gassen der Altstadt treibend, sucht er das Leben, trifft aber immer wieder auf den Tod.
Wim Wenders hat sich wieder einmal seiner (autobiografischen) Lieblingsfigur gewidmet. Es geht um den einsamen, Sinn suchenden Mann. In seinem letzten Film "Don't Come Knocking" war es ein alter, trunksüchtiger Schauspieler. Nun ist es der etwas jüngere Fotograf, der das Leben im Angesicht des Sensenmanns wiederentdeckt. Schon im Plot stecken einige Plattitüden, die nur eine ausgeklügelte Inszenierung noch hätte ausbügeln können. Aber Wenders reiht eine plumpe Idee an die nächste. Da stapft ein Börsenmakler im Anzug als Schafhirte über die Rheinwiesen, um den Börsenkursen zu entfliehen. Da reagiert der Protagonist auf 23 empfangene Anrufe in Abwesenheit mit der Frage, wann er denn zuletzt einmal wirklich anwesend gewesen sei. Wenn Finn einsam und verloren wirken soll, liegt er in einem überdimensionalen Bett. Und wenn er die Orientierung komplett verloren hat, wankt der Boden. Kommentiert wird Finns Gefühlsleben aus dem Off mit pseudophilosophischen Gedankenspielen über das Leben, den Tod und die Zeit, die Dalis zerflossenen Uhren in Plakativität in nichts nachstehen. Auch die Einfälle, Dennis Hopper kahlköpfig den Tod spielen und Lou Reed als Geist aus der Jukebox erscheinen zu lassen, sind sicher nicht subtil. Aber er kriegt sie eben alle vor die Kamera. Die Musik, auch wenn sie wie beinahe jedes Beiwerk von "Palermo Shooting" penetrant eingesetzt wurde, ist mit Stücken von Will Oldham, Beirut, Grinderman, Console, Velvet Underground, Calexico und anderen sicherlich das Gelungenste an Wenders' jüngstem Streich.
Palermo Shooting
D 2008
R: Wim Wenders; D: Campino, Dennis Hopper, Lou Reed; 20.11.
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