Krabat
Das Böse schläft nicht
[D 2008; R: Marco Kreuzpaintner; D: David Kross, Daniel Brühl, Christian Redl; 09.10.]
15.09.2008, 18:41, Text:
Alexander Dahas
Tim Burton? Terry Gilliam? Marco Kreuzpaintner wurde auserwählt, die gute alte "Krabat"-Geschichte zu verfilmen. Gott sei Dank weigert er sich, die Lausitz als entlegenen Teil von Mittelerde zu inszenieren. Dafür legt er besonderen Wert auf die Liebesgeschichte.
Ach ja, die Produktionswerte! Messen lassen müssen sie sich dauernd, und auch nicht mit irgendwem, sondern mit "Hollywood". Sich bei der bröselnden Traumfabrik ausgerechnet die Disziplin auszusuchen, mit der man eher nicht mithalten kann, ist zwar ziemlich bescheuert, aber eben auch gleichzeitig der Locus amoenus des Klassenzweitbesten. Der unangenehme Teil beginnt eigentlich erst in dem Moment, in dem sich die Verantwortlichen nach Material umzusehen beginnen, das ihre Streber-Ambitionen adäquat unterfüttern könnte. "Der Rote Baron" springt ja nicht immer in die Bresche. "Krabat" saß schon die ganze Zeit wie ein pralles Sparschwein in der Warteschleife. Die sorbische Erzählung hat obendrein noch europäisches Format. Seit ein paar hundert Jahren gehen nicht nur diverse Legenden auf die Schwarze Mühle zurück. Auch mehrere Schriftsteller aus verschiedenen Ländern bedienen sich am Steinbruch der Story. Im deutschsprachigen Raum hielt Otfried Preußlers Romanversion ab 1971 Kinder und Erwachsene vom Schlafen ab. 1977 kam der ausgezeichnete Trickfilm von Karel Zeman dazu. Die Anziehungskraft, die "Krabat" seitdem ausgeübt hat, ist selbst das Thema der Geschichte. Sie handelt von einem Waisenjungen im frühen 18. Jahrhundert, der auf einer abgelegenen Mühle Arbeit sucht.
"Soll ich dich nur das Müllerhandwerk lehren oder alles andere auch?" fragt der Meister, als die Entscheidung längst gefallen ist. Als Kind wusste man, wie Horror geht. Und obendrein, wie rhetorische Fragen klingen. Wissen, das man nicht verliert. Eine Geschichte über das Böse ist gleichzeitig eine Geschichte über Macht. Doch statt tief in die freudianische Ursuppe zu fassen wie die Kollegen Grimm, lieferte die Story von der Schwarzen Magie einen Fluchtpunkt, der Kinderseelen intakt ließ. Aufs Kino bezogen war "Krabat" schon immer ein Kandidat, den man für Leute wie Tim Burton oder Terry Gilliam im Blick hatte. Regisseure, die ihre Produktionswerte schon mitbringen und dazu fähig schienen, die Schönheit des Schreckens nicht zu verniedlichen. Dass am Ende Marco Kreuzpaintner das Rennen machte, ist keine so schlechte Neuigkeit. Kreuzpaintner teilt sich seine Initiationserfahrung mit den Fans. Sein Film weiß einerseits um das notwendige Ambiente einer Fantasy-Kulisse. Andererseits weigert er sich, die Lausitz als entlegenen Teil von Mittelerde zu inszenieren.
Kreuzpaintners Version ordnet sich allerdings zu einem gewissen Teil den Sehgewohnheiten eines sehr jungen Publikums unter, das die Handlung am liebsten durch entsprechende Dialoge begleitet sehen will. Dem passt sich auch die Bildsprache an: Statt der monochromen Wolkendecke, die sich über die uhrwerkartig wiederkehrenden Albträume der Preußler-Vorlage zieht, zerlegt der Regisseur die Ereignisse in mundgerechte Happen. Soll man ja alles kennen. Wenn schon nicht aus der eigenen Fantasie, dann zumindest aus dem eigenen Vormittagsprogramm. Entsprechend aufgewertet sind die Elemente der Story, die der Dramaturgie des Fernsehens entgegenkommen: eine Liebesgeschichte, die viel von ihrer Schicksalhaftigkeit einbüßt. Dazu ein Entschleierungsprozess, der eng an überseeische Horrorkonventionen angelehnt ist. Das Ominöse und Bedrohliche wird fast durchgehend in den Figuren gesucht, was den Schauspielern eine zusätzliche Bürde auferlegt. Diese wird von Christian Redl zwar kompetent gemeistert. Allerdings um den Preis einer Ästhetik, die den Sinn für das Schroffe, Perverse und Radikale hintanstellt.
Krabat (D 2008; R: Marco Kreuzpaintner; D: David Kross, Daniel Brühl, Christian Redl; 09.10.)
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