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Science Of Horror

Mit echter Gänsehaut

[D 2008; R: Katharina Klewinghaus; 07.08.]

16.07.2008, 17:02, Text: Tim Stüttgen

Was die Kettensäge so alles dekonstruiert: Katharina Klewinghaus' Dokumentation "Science Of Horror" befasst sich mit der Geschichte der Slasher-Movies. Tim Stüttgen sprach mit der Regisseurin und Filmwissenschaftlerin über Body-Genres und Frauenrollen.

"Body-Genres" nannte die feministische Akademikerin Linda Williams einmal die sogenannten "B-Genres" der Filmgeschichte: Melodram, Pornografie und Horrorfilm. "Weil diese Filme körperliche Reaktionen hervorrufen", so Katharina Klewinghaus. "Täten sie das nicht, würden sie als gescheitert gelten." Die Berliner Regisseurin und Filmwissenschaftlerin widmet sich in ihrer Dokumentation "Science Of Horror" speziell den Slasher-Movies.


Wie im Body-Genre üblich, triggert ein Slasher beim Rezipienten ein paar der sogenannten niederen Instinkte: Tränen und Übelkeit, Gänsehaut und Geilheit. Anders als bei den indirekten Genre-Vorreitern "Peeping Tom" oder "Psycho" steht beim Slasher-Film nicht mehr der virtuos gestrickte Mindfuck im Zentrum, sondern der - zerstückelte - Körper selbst. Wo wir beim Zerstückeln sind: Filmhistorische Dokumentationen sind nicht unproblematisch. Selten bieten sie mehr als oberflächliche Historisierungen von bekannten Tatsachen. Oder sie mystifizieren das längst Vergessene, damit Insider noch einmal Applaus spenden können. "Science Of Horror" von Katharina Klewinghaus ist dagegen eine Klasse für sich.

Sicherlich ist die Filmemacherin fasziniert von ihrem Sujet, Überidentifikation kann man Klewinghaus in ihrer ersten abendfüllenden Doku aber nicht vorwerfen. Manch einer mag sie als Darstellerin aus dem jüngsten Bruce-LaBruce-Werk "Otto - Or Up With Dead People" kennen. Dort spielt sie - welche Überraschung! - eine avantgardistische Zombie-Filmemacherin, die an die Experimentalfilm-Ikone Maya Deren erinnert. Klewinghaus: "Die Arbeit mit Bruce hat mich weiter inspiriert. Uns beiden geht es um eine Hommage. Aber auch um die Aneignung des Genres für andere Zwecke." Randvoll mit irren Typen, Szenen und Analysen, arbeitet sich "Science Of Horror" reif und reflektiert durch die Untiefen des Slasher-Kinos. Es kommen auch berühmt-berüchtigte ProtagonistInnen wie Bruce Campbell, John Carpenter, Wes Craven oder die konsequent bekloppten Betreiber von Troma, dem ältesten Horror-Indie der Welt, zu Wort, um aus dem Nähkästchen zu plaudern. Feministische Filmwissenschaftlerinnen wie Carol Clover, Leona Berenstein und Linda Williams ebenfalls. Sie treten auf als kluge Analytikerinnen - und teils gar als heimliche Fans.

Die Geschichte hält Überraschungen parat. Lesbische Subtexte finden sich in mehr als nur einem Slasher-Film, selbst wenn die Zensur dies zu verhindern suchte. Wie performativ das Klischee der kreischenden Kinozuschauerin ist und dass sich hinter der vorgehaltenen Hand nicht nur erschrockene Äuglein, sondern auch ein genießendes Lächeln verbergen kann - wir denken mal drüber nach. Genauso über Klewinghaus' Statement, "dass der Horrorfilm die ersten starken Frauenrollen auf die Leinwand gebracht hat. Was ist dominanter als eine Frau mit Kettensäge in der Hand?" Wenn die elektronische Mörderpuppe Chucky mit einer unmenschlichen Freundin ins Bett geht, erklärt Gender-Theoretikerin Judith Halberstam, was an diesem Quickie queer ist.

Zusammengenommen ist das hochinteressant, wäre aber bei manch einem Filmemacher schnell zu didaktisch geraten. Es ist die atmosphärische Montage zwischen Schockerszenen-Sample, Talking Head und Dokumaterial - unterstützt durch den wie die Faust aufs Auge passenden Soundtrack von Mike Pattons Fantômas -, die "Sciene Of Horror" zu einem erfrischend anderen Stück Aufklärung macht. Gerne hätte man dem noch länger und ausführlicher als 80 Minuten zugesehen, diese Lust wird dann der Zombie des Kinos - die hoffentlich bald schon erscheinende DVD - sicher befriedigen.



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aus Intro #163 (August 2008)
 
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