Plädoyer für die Vielfalt
Warum XXY oft falsch verstanden wird
20.06.2008, 12:11, Text:
Birgit Binder
Der internationale Filmtitel 'XXY' versteht sich als lyrische Metapher für Intersexualität. Er bedient sich der beiden bekannten Buchstabenpaare - Chromosomensatzbezeichnungen - "XX" und "XY", die jeweils für ein eindeutig weibliches bzw. eindeutig männliches chromosomales Geschlecht stehen.
Daraus ergibt sich das mehrdeutige Buchstaben-Trio 'XXY' als Symbol für alle heute oft verborgenen oder verborgen gehaltenen, verdrängten und womöglich ohne Einwilligung der Betroffenen "normalisierten", sprich: durch Operationen beseitigten Formen der Zwischengeschlechtlichkeit.
Intersexualität ist ein reales Phänomen. Nach wie vor wird es vielfach fälschlicherweise mit "Transsexualität" oder "Transgender" gleichgesetzt. Eine Äußerung der künstlerischen Leiterin des diesjährigen Internationalen Frauenfilmfestivals in Köln in einem Interview und auf der Festivalhomepage zum Film zeigte dies in aller Deutlichkeit.
Auch die bisherige Medienberichterstattung gibt, von Ausnahmen abgesehen, Anlass zur Annahme, dass nach wie vor weitestgehend hoher Aufklärungsbedarf besteht bzw. eine verstärkte Rechercheleistung notwendig ist, um adäquat über diesen Film und das Thema zu berichten. So war in Rezensionen irrtümlich von einem "abweichenden Chromosomensatz" der Hauptfigur Alex zu lesen. Das ist besonders unverständlich, weil deutschsprachige Intersex-Sites wie das Blog www.zwischengeschlecht.org nicht nur darüber Klarheit verschaffen könnten. Auch ein Anruf beim deutschen Verleih hätte diesen Irrtum schnell beseitigt.
Als selbstverständlich sollte die künstlerische Freiheit beim Filmtitel verstanden werden. "XXY" ist weder ein Dokumentarfilm, noch wird eine medizinische Diagnose gestellt. An medizinischen Begrifflichkeiten sind vor allem solche Leute interessiert, die anhand dieser Diagnose operative Verstümmelungen vornehmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen - in der Realität auch nach wie vor zumeist ohne Einwilligung der Operierten.
Wünschenswert bei all diesen Missverständnissen wäre, dass "XXY", der sich dem Thema nicht aus dokumentarischer Filmperspektive nähert, gerade deshalb mit niedrigerer Hemmschwelle das Blickfeld für die Geschlechts- und Begehrensvielfalt öffnet, in der wir alle leben.
Intersexualität sollte keine Angst auslösen, der Tabuisierung nicht zugearbeitet werden, Intersexualität sollte als das respektiert und geschätzt werden, was sie ist: eine Bereicherung.
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