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Alan Wake

Licht aus!

20.05.2010, 12:58, Text: linus volkmann

„Nebelschwaden ziehen durch das nächtliche Unterholz ...“ – viele Rezensenten werden angesichts der Albtraum-Survival-Horrorshow „Alan Wake“ zu ihrem eigenen Heinrich Heine. Linus Volkmann hält sich literarisch bedeckter, findet sich aber dennoch nicht unbeeindruckt von dem wegweisenden Grusel-Porn.
 
„Ich bin oben, ich habe eine Überraschung für dich!“ ruft uns unsere Freundin aus einem Zimmer der Ferienhütte zu. Wir befinden uns in einer pittoresk rückständigen Region der USA. Die zaghafte Hoffnung, jene Freundin wolle Liebe machen (immerhin spielen wir hier ab 18), verflüchtigt sich schnell.

Vielmehr bekommen wir eine Schreibmaschine. Schließlich sind wir, also ist Alan Wake ein rechtschaffen cooler Schriftsteller mit der erektilen Dysfunktion einer Writer’s Block. Und die soll nun angesichts einer Reise mit fließenden Grenzen zwischen albtraumhafter Realität und realem Albtraum vergehen? Immerhin ist der Weg durch nächtliche Wälder und ähnliche Unorte gepflastert mit Manuskriptseiten von uns – an deren Erstellung wir allerdings keinerlei Erinnerung besitzen. Zudem erscheint wieder und wieder ein unkaputtbarer Typ mit Axt (oder sind es einfach bloß Tausende?), der diese gegen uns schwingt, ach ja, und jene Freundin vom Anfang gilt schnell als verschollen.
Alan Wake“ stellt einen weiterer Versuch dar, das Vermischen von Survival-Horror-Gaming mit Filmhorror zum nächsten Genre-Hoch zu führen. Der Versuch gelingt vermutlich daher so gut, weil sich der Kern der spielbaren Erzählung ganz auf die Urangst vor der Dunkelheit konzentriert. Alan Wake besitzt vornehmlich bloß eine Taschenlampe gegen das Böse. So beunruhigen die grafisch wunderschönen Zwischenszenen im Hinterland noch mehr, wenn sich alles in ein goldenes Abendlicht getaucht sieht und die heraufziehende Nacht immer ahnbarer wird.
Neben diesem simplen wie effektiven Horror erhält die Story durch die Hauptfigur zusätzlich Tiefe. Zwar gemahnt das idyllische Setting der Landschaft an Stephen-King-Klassiker, doch „Alan Wake“, der sich in verspulten Realitätsebenen Dämonen seiner eigenen Schöpfung stellen muss, besitzt beinahe die Vielschichtigkeit von Bret Easton Ellis’ „Lunar Park“, in welchem der Autor plötzlich von seiner Kunstfigur Patrick Bateman (aus „American Psycho“) bedroht wird.
Literarische Tiefe, cinematische Bilder, Spannung und nicht zuletzt Dramaturgie machen „Alan Wake“ zu einem großen Schritt. Lediglich die deutsche Synchro (mit u. a. der reichlich unpassenden Gastgeberstimme des Partyspiels „Buzz“) und die redundanten Axt-Hools fallen negativ ins Gewicht.
Ach ja, und dass Alan Wake durch den Wald humpelt wie Opi (Ferndiagnose: Seitenstechen) ist quälend. Vor allem, wenn man von hinten schon dauernd angestochen wird. Aber das muss wohl in Kauf genommen werden – man spielt ja immerhin einen amtlichen Albtraum.
Linus Volkmann
 
Alan Wakefür Xbox 360 (Remedy / Microsoft)
Siehe auch die große Verlosung bei „Für dich“



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