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Neue Brettspiele

MegaCorps, Die Exorzisten, Erosion, Kingpin

23.02.2010, 14:03, Text: Jan Bojaryn

Mit „Pandemie“ stand 2009 ein Ausnahmespiel in der Nominierungsliste zum „Spiel des Jahres“, das von Seuchenbekämpfung handelte. Ein Beleg dafür, dass endlich auch Brettspiel-Außenseiter im Rampenlicht landen können. Dass kleine Verlage Anfang 2010 viele ungewöhnliche Brettspiele führen, zeigt Jan Bojaryn an einigen Beispielen.

MegaCorps
Wer den Namen kennt, kann sich den Inhalt denken. In „MegaCorps“ verkörpern Spieler das Steckenpferd von Linken und Science-Fiction-Fans: Als multinationale Konglomerate drängen sie Konkurrenten aus dem Markt, verdienen Geld und kaufen Söldner. „MegaCorps“ ist einfach gehalten und schnell gespielt. Mit zynischer Geschwindigkeit werden Staatsformen gewechselt und Kriege abgewickelt. Handelswährung ist der Euro. Autor Greg Costikyan erklärt den amerikanischen Käufern: „The dollar is so over. Sorry.“ Im Interview erkennt man, dass ihm die Sache trotzdem ernst ist: „Die erste Version von ‘MegaCorps’ wurde vor über zehn Jahren entwickelt und von verschiedenen Herausgebern abgelehnt, bevor Z-Man zugegriffen hat.“ Auch ein Brettspiel kostet Geld, allerdings weniger als Games oder Filme. Und deswegen, meint Costikyan, gebe es hier viel mehr Innovation als anderswo. Besonders gefällt Greg seine neue Staatsform des 21. Jahrhunderts, die als Ereigniskarte im Spiel auftaucht: der Wikisyndikalismus. Was diese Erlösung nach der Demokratie sein mag, weiß er selbst noch nicht, aber der Name klingt gut. Wie „Pandemie“ beweist „MegaCorps“, dass Spiele für Erwachsene mehr Spaß machen, wenn sie sich nicht mit Klischeethemen abgeben. „MegaCorps“ ist im Original bei Z-Man Games erschienen, im deutschen Vertrieb bei Pegasus.


Die Exorzisten
Auf bessere Themen als Kaffeeplantagen und Kunstauktionen versteht sich auch Henning Poehl. Er hat „Die Exorzisten“ entwickelt und bedient sich konsequent beim Horrorkanon. In der Mitte des Spieltischs liegt die Besessene, und die Spieler erscheinen als Priester, exkommunizierte Nonnen oder Horrorfilmexperten am Krankenbett. Schnell beginnt ein gottloses Gezerre, bei dem es nicht um das Wohl der Patientin geht. „Die Exorzisten“ erlaubt sich ein paar müde Kalauer, aber witzig ist es auch so. Während man Runde um Runde darum pokert, wer was mit Dämonen und Patientin anstellt, schleicht sich das ungute Gefühl ein, der Realität näher zu kommen. Auch Poehl entwickelt sein Spiel aus dem Thema, statt ein Regelgerüst beliebig einzukleiden. Vielleicht ist das Gewusel aus verschiedenen Siegbedingungen und Spezialaktionen deswegen anfangs nur schwer zu durchschauen. Aber nach kurzer Studienzeit wird „Die Exorzisten“ deutlich einfacher. Dann sorgen die speziellen Spielerrollen für Abwechslung. Und die erstklassigen Illustrationen von Hitlerdämonen oder schmerbäuchigen Filmnerds lohnen allein schon den Kaufpreis. Warum man „Die Exorzisten“ suchen muss und nicht bei gut sortierten Fachhändlern findet, bleibt unverständlich. Horrorfilme gelten doch auch nicht als schwer verkäufliches Nischenprodukt.


Erosion
Auch „Erosion“ ist besser für Erwachsene geeignet. Zumindest verstehen die eher die Ironie dabei, ein schnelles Kartenspiel um langwierige geologische Prozesse zu spielen. In 30 Minuten entstehen Berge, werden von der Witterung abgetragen und ins Flussdelta gespült. Jeder Spieler ist dabei selbst Berg. Man identifiziert sich zwar nicht mit den Kalksteinschichten, fiebert aber trotzdem mit, ob das freigelegte Fossil, das im Flussdelta landet, liegen bleibt und wie der Berg des Nachbarn aussieht. Die absolute Minimaloptik mit realistisch abgebildeten Gesteinsarten wirkt zuerst abschreckend, passt aber zum Thema. „Erosion“ sieht trocken wie ein Erdkundebuch aus und ist trotzdem spannend. Ganz unauffällig kommt man einem Thema näher, das man ursprünglich völlig langweilig gefunden hat – zumindest lernt man etwas über fluviale Prozesse und Gesteinshärte. Wenn ein Spiel seinen Gegenstand halbwegs ernst nimmt, kann es dazu auch eine Menge sagen und zeigen. „MegaCorps“-Autor Costikyan (siehe links) ist von der Eignung der Brettspiele als Lernwerkzeug zumindest überzeugt: Er hat bereits ein Lehrspiel über Stadtplanung für Chicagoer Schüler veröffentlicht. „Erosion“ ist vielleicht genauso wenig ernst gemeint wie Costikyans Zukunftsvision. Aber nette Spielrunden bleiben besser im Gedächtnis hängen als Erdkundeunterricht.


Kingpin
Es ist fast unmöglich, sich „Kingpin“ anzuschauen, ohne an „Sin City“ zu denken: brutale Gangstergestalten in grellem Schwarz-Weiß, tödliche Amazonen und tätowierte Machos, eine freud- und morallose Stadt als Spielfeld. Bei „Kingpin“ steht „Neo Noir Comic“ schon auf der Packung. Beim Spielen denkt man schnell eher an Schach. Statt einer Farbe wählt man vorher eine von drei Gangs, die alle auf eigene Spezialisten statt auf genormte Türme und Springer setzen. Die Yakuza hat andere Möglichkeiten als die Mafia. Jede Spielfigur hat Eigenheiten bei Angriff, Bewegung und Verteidigung. Die verschiedenen Siegbedingungen fordern einen guten Überblick. Man spielt mit gerunzelter Stirn. Nach ein paar Runden verschwindet das Glück ganz aus dem Spiel, und Taktiker, die ihren Bruder in „Stratego“ immer geschlagen haben, kommen groß raus. „Kingpin“ kommt aus Polen, hat aber Vertrieb beim Heidelberger Spieleverlag. Nicht zuletzt, weil es so schick aussieht, hätte es mehr Aufmerksamkeit verdient. Dass es im Meer der Neuerscheinungen untergeht, ist nicht unwahrscheinlich. Aber auch Costikyan hält im Interview fest, dass frische Ideen längst nicht nur Nachteile gegen die Spiele des Jahres haben: „Einige ungeheuer erfolgreiche Spiele waren bei ihrer Veröffentlichung erstaunlich originell.“

MegaCorps von Greg Costikyan (Pegasus Spiele / Z-Man Games, www.pegasus.de)

Die Exorzisten von Henning Poehl (Sphinx Spieleverlag, www.sphinx-spieleverlag.de)

Erosion von John Douglass (Sphinx Spieleverlag / Sierra Madre)

Kingpin von R. & K. Cywicki, K. Hanusz, K. Gier (Heidelberger Spieleverlag, hds-fantasy.de)


 



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