Bayonetta
Sex-Nerds und Hexerei
23.02.2010, 12:06, Text:
linus volkmann
Apathisch wirkten viele Journalisten, die auf der GamesCom 2009 Segas Synapsen-Killer "Bayonetta" zu Gesicht bekommen hatten. Zu erschlagend waren die visuellen Reize, grellen Figuren und die hanebüchene Story des Japan-Games. Linus Volkmann versuchte sich anlässlich des Releases unter ärztlicher Aufsicht an kleinen "Bayonetta"-Dosen.
Was ist: Billigfilme der 70er über urbane afroamerikanische Kultur kennt man unter dem Begriff: Blaxploitation. Motiviert von "Bayonetta" sei hier nun das Genre Nerdploitation ausgerufen. Ist die Hauptfigur doch designt rund um ihre Brille, eine Hochsteckfrisur und allgemeines Schlaumeiertum. Ein weiblicher Nerd – kreiert allerdings von einem Mann (Hideki Kamiya, verantwortlich auch für die "Devil May Cry"-Reihe), was dann auch die Kamerafahrten über den Schritt oder knapp am Ausschnitt vorbei erklärt. Was einst bei der frühen "Lara Croft" noch der sperrigen Kameraperspektive geschuldet war, ist mittlerweile Stilmittel. In diesem Fall also: ein Nerdploitation-Porn.
Story: Schwierig wiederzugeben, wenn man noch nicht gekifft hat. Also, Bayonetta ist eine wiederbelebte Hexe, deren Haare auch kämpfen können und die das in Unordnung geratene Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht wieder in Einklang zu bringen versucht. Ein Plot, der stark an die russische Sci-Fi-Verfilmung von "Wächter des Tages“ / "Wächter der Nacht“ erinnert und überhaupt das Filmische sehr betont. Die Zwischensequenzen sind Hexen-James-Bond mit Brille und Busen – und man will sie trotz epischer Länge nicht wegdrücken, weil der Wortwitz des Danny-de-Vito’esken Sidekicks von Bayonetta absolut unterhaltsam ist.
Was bleibt: Ein Spiel, dem es gelingt, unglaublich vieles unter seinen Hut zu bringen: Mini-Shooter-Games, Search’n’Destroy, megalomanische Bosskämpfe der Dimension "God Of War", poetisch durchgeknallte Manga-Fantasy und obszöne Gewalt gegen Engel. Trotz dieses Overkills verliert sich "Bayonetta" nicht in seinem Panoptikum, sondern führt den Spieler (manchmal vielleicht zu sehr wie auf Schienen) durch den überbordenden Aberwitz.
Glanzlicht: Wenn man die bizarren Engel so lange durchnimmt, bis sie platzen, verstreuen sich lauter goldene Ringe, die es aufzusammeln gilt. Als wäre man einfach keine gewaltbereite Irre, sondern bloß Sonic, der Igel. Später stellt man aber fest, das sind gar keine Ringe, die demolierten Engel verlieren vielmehr Heiligenscheine. Perversion, Poesie und Blasphemie – was ein Referenzwerk fürs junge Genre Nerdploitation.
Bayonetta für PS3 und Xbox 360 (Sega)
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