Gewalt & Videospiele - Die unendliche Geschichte Artikelbild (groß)

Gewalt & Videospiele

Die unendliche Geschichte

22.06.2009, 12:54, Text: Jan Bojaryn

Videospiele sind das Massenmedium der Stunde. Aber wer selbst nicht spielt, hat, das zeigt die Debatte über "Killer"-Spiele schon seit Jahren, meist keine Ahnung davon. Das merkt man auch vielen Studien zum Thema an. Ein Plädoyer für weniger Aufregung und mehr Dialog von Jan Bojaryn.

Wenn die Öffentlichkeit über Spiele redet, dann in aller Regel über die Gefahren des Mediums. Nach jedem schrecklichen Auslöser, zum Beispiel einem Amoklauf wie dem in Winnenden, stehen die üblichen Verdächtigen bereit, um Untersuchungsergebnisse und Vorurteile in Talkshows zu verbreiten. Wer selbst spielt, kann bei vielen Thesen allerdings nur mit den Augen rollen. Seit wann sind Egoshooter Mordsimulatoren? Was hat "World Of Warcraft" mit Heroin zu tun? In welchem Spiel vergewaltigt man noch mal seine Gegner? Aber nicht jedes böse Wort über Videospiele ist ein Vorurteil. Studien zum Thema verdienen Aufmerksamkeit, auch wenn sie unangenehme Schlüsse ziehen.


Machen gewalttätige Spiele aggressiv? Das hört man häufiger. Zuletzt von einem Kooperationsprojekt aus japanischen und US-amerikanischen Forschern. Craig Anderson, Akira Sakamoto und andere wollen bewiesen haben, dass gerade jüngere Teenager stärker zu physischen Aggressionen neigen, wenn sie regelmäßig gewalthaltige Spiele spielen. Auch wenn Politiker gern Aggression und Amoklauf verwechseln, sind solche Ergebnisse nicht gleich Unsinn. Manche Untersuchungen schon. Wer viel spielt, hat weniger Zeit zum Lesen, zur Pflege sozialer Kontakte oder für Hausaufgaben. Das alles wurde nachgewiesen, aber sagt es auch etwas aus? Kann sich das nicht jeder sowieso schon denken?

Viele logische und nicht selten unexklusive Gefahren, die vom Videospielen ausgehen können, sind banal und nicht besonders akut. Aber der Bedrohungsdiskurs zeigt Wirkung: Der US-amerikanische Elternratgeber "What They Play" hat herausgefunden, dass in den USA viele Eltern den Einfluss der Spiele auf Kinder stärker fürchten als Alkohol und Pornografie. Verhältnismäßig ist das sicher nicht. Aber neben Risiken werden auch Vorteile ausgemacht: Spiele besitzen großes Potenzial als Lernwerkzeug, gerade weil sie Spaß machen. Der Psychologe Douglas Gentile ist mit dem Nachweis, dass zockende Chirurgen schneller und mit weniger Fehlern operieren, durch die Presse gewandert. In einem sinnvollen Rahmen und altersgerecht ausgewählt, stärken Spiele Fähigkeiten zur Problemlösung, soziale Kompetenz (man spielt oft mit anderen) und den Umgang mit Computern.

Wer nur an "Killerspiele" denkt, der denkt an einen kleinen Anteil der Titel, der überhaupt nur in Kinderhände kommt, wenn Eltern und Handel versagen. An der Uni Rochester hat man herausbekommen, dass Spieler auf hohe Gewaltanteile keinen Wert legen - es sei denn, sie tun das auch außerhalb von Videospielen. Den möglichen Todesstoß vieler Gewalt-Bedrohungsszenarien setzen Christina Regenbogen und Thorsten Fehr: In einer neurowissenschaftlichen Studie haben sie jüngst nachgewiesen, dass der Spieler Gewalt im Spiel und Gewalt in der Realität gut unterscheiden kann - egal, ob man viel oder wenig spielt.

Wer keine Ahnung von Spielen hat, steht ratlos vor dem Spagat zwischen Erlösung und Bedrohung. Viele Studien sagen eben mehr über die Perspektive der Forscher aus als über die Realität. Was hilft? Nur abregen. Spiele gehören in die Medien, weil sie wichtig sind. Aber solange Horror-Reportagen über den verwahrlosten Bodensatz der Gaming-Gemeinde Alltag sind, hält keine rationale Betrachtungsweise Einzug in die Reflexion über Videospiele. Und es gäbe vieles, über das man forschen und diskutieren könnte. Spiele wirken anders als Bücher und Filme. Aber wie? Längst gibt es Ludologen und Medienwissenschaftler, die Spiele jenseits dummer Fragen untersuchen. Was dort herausgefunden wird, stößt in Deutschland noch weitestgehend auf Desinteresse und Ignoranz. Es braucht die Diskussion über Spiele. Damit Spieler keine unscharfe Bedrohung bleiben, braucht es auch eine bessere Berichterstattung in den Medien. Und wohl auch eine bessere Selbstdarstellung der Spieler.

Game studies
... oder Ludologie nennt man die akademische Beschäftigung mit Spielen. Gamestudies.org ist auch der Name einer guten Onlinezeitschrift zum Thema. Auf Deutsch ist die AG Computerspiele ein guter Anlaufpunkt für Diskussion und Information: www.ag-games.de.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
 
Anzeige
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]