Fable II
Die Welt, die stets belohnt
27.11.2008, 16:16, Text:
Bernd Begemann
Gestern erlebte ich eine der schönsten Nächte meines Lebens. Im Fantasieland Albion. Nach zehn Minuten hatte ich vergessen, dass ich bloß ein Videospiel vor mir habe, ein Rollenspiel, jenes umständlichste aller Pixelgenres. Vielmehr breitete sich vor mir eine sehr wundersame Welt aus, mehr inspiriert von Charles Dickens und Tim Burton als von J.R.R. Tolkien, dessen "Herr der Ringe"-Zyklus ja üblicherweise herhält, wenn hochgelevelt und koboldhordegemetzelt wird. Nein, mein Herr, das hier ist anders.
Viel Aufhebens wurde von Anfang an bei beiden "Fable"-Spielen um deren Wahlmöglichkeiten gemacht. In der Tat sind diese beachtlich: Böse Taten von Seiten des Spielers wirken sich erschreckend auf die Physiognomie seiner Figur und meistens auch auf die Landschaft aus. Mir erschien das nicht so erheblich, da man ja "ordentlich" - das heißt: geradlinig und konsequent - böse sein muss, wenn man nun diesen dunklen Pfad beschreiten möchte. Noch einfacher: Auch die Bösen müssen sich an Regeln halten und sind nicht wirklich frei.
Viel wichtiger, einschneidender, fast zeitenwenderischer ist an "Fable II" Folgendes: Es gibt keine Bestrafungen, nur Belohnungen. Es gibt kein "game over", man kann nicht sterben - lediglich ein paar Erfahrungspunkte werden abgezogen, falls man sich wirklich allzu dämlich anstellt. Es gibt keine Unklarheiten über Missionswege, ein goldener Bodennebel zeigt den Weg zum nächsten Ziel. Es ist einfach. Aber nicht auf eine "für Kinder"-Art einfach, sondern auf eine "Leute da abholen, wo sie sind"-Art einfach. Wer sich noch nie an "so ein Spiel" gewagt hat, wird hier zum ersten Mal ordentlich bedient und bei der Hand genommen. Hardcore-Gamer werden dieses Spiel vielleicht zunächst instinktiv hassen, um dann widerwillig überwältigt zu sein von der schieren Schönheit. Euer Held - oder eure Heldin! - nimmt an Rummelplatzvergnügen teil, freundet sich mit Hunden und fetten Priesterinnen an, lüftet das Geheimnis der eigenen Blutlinie, flirtet, zeugt Nachwuchs, bekommt sogar Aids (oh mein Gott, diese Briten!), tanzt auf der Straße, befriedet banditenverseuchte Wälder ... Es ist eine Wundertüte, ein freundlicheres "GTA" ohne Wiederholungen, eine komplette, bestaunenswerte Welt. Drei kleine Mankos: Das Menü ist nur mittelmäßig, der Koop-Modus so lala, und die Ladezeiten sind nur gerade noch so tolerabel. Trotzdem das Spiel des Jahres für diesen Chronisten.
Fable II für Xbox 360 (Lionhead / Microsoft)
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