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Das Schwarze Auge - Drakensang

Weltflucht für den Herbst

18.08.2008, 18:37, Text: Jasper Nicolaisen

Wenn das erfolgreichste deutsche Pen-and-Paper-Rollenspiel als Computerspiel erscheint, ist geballtes Nerdwissen gefragt. Jasper Nicolaisen ruft Verstärkung in Form seiner Rollenspielgruppe herbei, um "Drakensang" zu testen.

"Ganz schön bunt alles" lautet der verhaltene Kommentar der versammelten Spieler zum Einleitungsfilmchen. Man hatte die Skepsis förmlich riechen können, als sich die alten Herren im Vorfeld mit ehelichen Pflichten und Kochkurs herausreden wollten. Zum Glück ist der Autor ansonsten Spielleiter bei den regelmäßigen Spielabenden und droht damit, bei Nichtantritt nächstes Mal alle vom Oger fressen zu lassen.


Aber "Das schwarze Auge" ist eben auch nicht irgendein Spiel. Wenn die hier Anwesenden von ihren Spielerlebnissen erzählen, klingen sie wie wehmütige Veteranen eines hutzeligen Märchenkrieges: Damals, als die Orks das Mittelreich überrannten und wir in Kaiser Hals Badezimmer standen ... Wie sonst nur bei "Herr der Ringe" und "Perry Rhodan" sind die Fans versessene Auskenner in der fiktiven Welt, die für "Das schwarze Auge" seit 1984 mit fortlaufender Geschichte weitergesponnen wird. Jede Abweichung vom Kanon würde für einen Aufschrei sorgen. Schwierige Ausgangsbedingungen für ein Computerspiel, das die Basis nicht verprellen darf, gleichzeitig aber auch "Warcraft"-Sozialisierten etwas bieten will und muss.

Bei der einführenden Charaktererschaffung scheint der Balanceakt erst mal gelungen. Blutige Anfänger können nach Wahl eines groben Typus' für ihre Figur sofort mit vorgegebenen Spielwerten ins Abenteuer starten. Wir Experten hingegen werfen natürlich erst mal nach den gewohnten Regeln alle Voreinstellungen über den Haufen und basteln uns einen Super-Wuchtschlag-Klingenwirbel-Lebenspunkte-Monster-Zwerg. Das passt ja schon mal. Die Stimmung steigt.

Bei den ersten Schritten in der Spielwelt gibt es verhaltenes "Oh" und "Ah" von Seiten der Ü-35-Fraktion angesichts der hübschen Märchenlandschaft im goldenen Licht. Gruppenküken Benny und der Autor finden's nett, im Vergleich mit anderen aktuellen Titeln aber nicht begeisternd. Dafür ist die Steuerung auch dann noch intuitiv verständlich, als wir die ersten Gefolgsleute aufsammeln. "Drakensang" entpuppt sich schnell als im besten Sinne klassisches Computerrollenspiel, das durch viel Interaktion der Heldengruppe mit der detailreichen Spielwelt lebt, auf die man sich allerdings auch einlassen muss.

Die Veteranen stoßen jedenfalls geradezu Boygroup-Groupie-mäßige Kiekser aus, als mit Erzmagier Rakorium schon früh im Spiel eine bekannte Lieblingsfigur aus Aventurien auftaucht. "War ja klar, wenn's schon um Drachen geht, da ist der ja Experte", weiß Simon. Geografie, Götter, Zaubersprüche - alles passt und verströmt das geliebte Flair. Die etablierte Sitte des gemeinsamen Pizzabestellens ist schnell vergessen, als es das erste Mal in finstere Höhlen geht. Auch das Kämpfen überzeugt. Ebenfalls hübsch, dass man die eingeheimsten Punkte unmittelbar in die Figurenentwicklung investieren kann, sodass wir praktisch andauernd neue Möglichkeiten gewinnen und die Helden uns schnell ans Herz wachsen.

Als die Story Fahrt aufnimmt, unser Kontaktmann ermordet aufgefunden wird und von einer geheimnisvollen Drachenqueste die Rede ist, hat "Drakensang" alle Altersgruppen und Nerdgrade gepackt. Kleine Unebenheiten bei der Kartendarstellung oder lückenhafte Vertonung der Dialoge fallen gar nicht mehr auf - so lange haben wir ewig nicht mehr einträchtig beim Rollenspiel zusammengesessen. "Drakensang" ist genau das richtige Spiel, um jedes Zeitgefühl zu verlieren und sich im einsetzenden Herbst in der Wohnung zu vergraben. Und wer am Ende nicht genug bekommt, findet auf der DVD gleich die Regeln fürs Pen-and-Paper. Phex zum Gruße!



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