Video Games Live
Halo statt Haydn
16.07.2008, 15:47, Text:
Gregor Wildermann, Foto: Daniel Große
Auf der diesjährigen Games Convention erlebt Deutschland eine erste Aufführung von "Video Games Live". Dort trifft ein klassisches Orchester auf Klassiker der Computerspiel-Musik. Gregor Wildermann traf die Köpfe dahinter in Schottland. Foto: Daniel Große.
Viele passionierte Videospielfans verirren sich nicht gerade oft in klassische Konzertsäle. Liegt es am eigentlichen Ort, am Programm oder an der Etikette? Könnte das alles auch ganz anders ablaufen? Glasgow im Juni. Die Royal Concert Hall ist inmitten der Stadt, ihre lange Eingangstreppe liegt direkt gegenüber den Buchanan Galleries, einer typischen Shoppingmeile. Der Hauptsaal wurde 1990 eröffnet und fasst 2475 Zuhörer. Im Programm finden sich in der Regel die genreüblichen Klassiker von Chopin bis Mozart, aber eben auch "Concerto For Turntables" mit Beni G, Elvis Costello oder an diesem Abend "Video Games Live".
Beim ersten Blick auf die Bühne fällt außer einer großen Leinwand und einer Lichtinstallation zuerst nicht auf, warum diese Show aus dem üblichen Programm herausfallen sollte. Die 120 Musiker vom Royal Scottish National Orchestra haben mit ihren Instrumenten teilweise schon Position bezogen. Inmitten von Kontrabässen, Violinen und Oboen steht Dirigent Jeff Ward (42) und hebt den Taktstock zum Test. Doch schon nach den ersten Takten aus "Tetris" ist alles anders: Das Publikum grölt und applaudiert. Kurzzeitig wähnt man sich eher in einem Fußballstadion.
Dann der erste Auftritt des eher kleinen, dafür aber umso markanter wirkenden Tommy Tallarico (40). In 20 Jahren komponierte er in seinem Haus in der Nähe von Disneyland (Orange County, Kalifornien) nahezu 300 Soundtracks zu Videospielen. 2002 setzte er das Konzept von "Video Games Live" in die Welt: Nach dem ersten Konzert im Jahr 2005 schlossen sich drei weitere im Folgejahr an. 2007 waren es dann bereits 29 weltweite Auftritte, und in diesem Jahr wird erstmals die 50er-Marke überschritten. Fragt man Tommy nach dem Konzept seiner Show, bekommt man die typisch amerikanischen Superlative zu hören.
Natürlich habe seine Show »rock-n-roll lighting« und natürlich beschreibt er sein Publikum mit »loosing their freakin’ minds«. Dabei muss er allerdings noch nicht einmal übertreiben: Auch an diesem Juni-Abend sieht man in den Gesichtern der klassischen Musiker genau, dass sie solch ein Publikum nicht gerade oft als Gäste begrüßen dürfen. Und in welchem Konzertsaal der Welt erlebt man, wie "Space-Invader" mit einem Zuschauer, der sich ein T-Shirt mit dem bekannten Symbol des Kanonenturms anziehen muss, live an einer Videowand vorgeführt wird? Eine Show wie "Video Games Live" könnte tatsächlich über die Musik und deren Darbietung ein Publikum mit Videospielen erreichen, das sonst nie sehen und hören würde, was der Wesenszug von "Halo", "Metroid", "Castlevania" oder "Zelda" ist und was womöglich den Reiz dieser Spiele ausmacht. Die Aufführung selbst besteht aus mehr als 50 Einzelsegmenten, pro Abend werden aber lediglich 20 Titel ausgewählt.
Je nach Vorlieben im Auftrittsland, die via Website schlicht und einfach abgefragt werden, wird das Programm erstellt. Ward und Tallarico verschlägt es bei ihren unterschiedlichsten Reisen zu unterschiedlichsten Zielgruppen so auch schon an exotische Orte wie eine Stierkampfarena in Mexiko mit dem Umkleideraum direkt neben dem Stierstall. Und beide Komponisten haben über die Show auch öfter die Gelegenheit, Musik aus Videospielen aufzuführen, bevor das Spiel überhaupt erschienen ist. Am Konzertabend in Glasgow hört man die Musik aus "StarCraft 2", und für das Konzert in Leipzig am 20. August will man als Weltpremiere die Musik aus einem neuen Titel eines deutschen Publishers aufführen. Man darf gespannt sein.
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