Digitale Natur

Jetzt kommt der Baum ins Spiel

21.05.2007, 16:09, Text: Gregor Wildermann

Auch wenn die grafischen Höchstleistungen eines Computerspiels oft nur vom miesen Gameplay ablenken, hat sich inmitten von Betonlevels oder den kahlen Gängen einer Raumstation die Natur als neuer echter Mitspieler hochgearbeitet. Gregor Wildermann begab sich in den digitalen Wald und suchte die Lichtung ...
Auf den ersten Blick erscheint alles so, wie man es sich bei einem Videospielentwickler vorstellt. Die Firma Red Storm ist in der Nähe der amerikanischen Ostküstenstadt Raleigh (North Carolina) beheimatet, und wie es sich für einen namhaften Entwickler von Taktikshootern gehört, sieht man auf den Bildschirmen eine Mischung aus Soldaten, Waffen und anderen eher kalten Gegenständen. Da wirkt es schon wie ein Kontrastprogramm, wenn man Jeremy Brown (31) über die Schulter schaut. Er arbeitet bereits seit 2001 an allen möglichen Vegetationsformen innerhalb der “Ghost Recon”-Serie. Verbringt so bis zu einer Woche mit einem bestimmten Baum, den er in allen möglichen Details bearbeitet. Und tatsächlich ist “Ghost Recon – Advanced Warfighter 2” eines der ersten Spiele, bei denen die Natur neben dem Ton eine Art dritten Mitspieler darstellt, damit leitet es einen neuen Trend ein. Nun gab es in der Vergangenheit schon vereinzelt Videospiele, bei denen die Natur nicht nur Kulisse war. So erlebte man in “Ecco – The Dolphin” die Unterwasserwelt, und in “Metal Gear Solid – Snake Eater” konnte man den Wald als aktiven Schutz, Pilze und Schlangen, die sich dort fanden, auch zum Überleben nutzen. Doch grobe Texturen und unnatürliche Animationen ließen ganz gewöhnliche Naturerscheinungen im Videospiel fast immer wie Plastikwelten wirken. Jeremy Brown nennt dies in seiner Muttersprache den Punkt, an dem “the illusion breaks down”.
Doch was hat sich nun im Wald getan? Bei dieser Frage weiten sich die Augen von Jeremy Brown deutlich, und fast schon mit einem Seufzer der Erleichterung scheint er sich an frühere und gleichzeitig mühsame Zeiten zu erinnern: “Der Detailgrad hat sich einfach massiv erhöht, und das liegt an der simplen Tatsache, dass nun auch für die Vegetation wesentlich mehr Polygone einberechnet werden. Früher war der Lichteinfall ein primäres Problem, weil wir es von der Optik her gewohnt sind, dass in der Natur die Lichtstrahlen an vielen unregelmäßigen Stellen durch die Blätter hindurch scheinen. In einem älteren Spiel war ein Baumast mit Blättern jedoch meistens eine komplette Textur, sodass der Lichteinfall wie unterhalb eines Regenschirms aussah. Das hat sich nun wesentlich verbessert – wir können jetzt selbst die einzelnen Äste bis hoch in die Krone gestalten.”
Den Wert einer glaubwürdigen Naturumgebung erkannten auch Chris King und Michael Sechrest, die 1999 die Firma Interactive Data Visualization (IDV) gründeten und nun in einem Gebäude im amerikanischen Ort Lexington rund 100 Mitarbeiter beschäftigen. Ihr Hauptprodukt ist eine Software namens “Speedtree”, deren Name beinahe selbsterklärend ist. Dank der Software sparen sich viele Entwickler die eigene Arbeit an Modellen der Spielvegetation. Und so finden sich Speedtree-Schöpfungen zum Beispiel im Wald von Tamriels aus “The Elder Scrolls IV – Oblivion”, in “Neverwinter Nights 2” oder “Resistance – Fall Of Man”. Auch Entwickler von Rennspielen wie “Project Gotham Racing 3” oder “Full Auto 2” verlassen sich mittlerweile gerne auf die Importbäume. Auf der Firmenwebsite kann man im “Tree Browser” einen Blick auf Hunderte verschiedener Bäume und Pflanzen werfen, die dort mit ihren biologischen Fachnamen gelistet sind. Vom Pilz bis zur Palme ist dort alles vertreten; und wer den Gedanken weiterspinnt, wird schnell darauf kommen, wohin die Spezialisierung für “Naturprodukte” noch gehen kann.


Der nächste Meilenstein in puncto “grünes Spiel” dürfte übrigens sogar aus Deutschland kommen: Games wie “Crysis” (für PCs mit Windows Vista) von der deutschen Firma Crytek werden mit ihrer Darstellung von Urwaldvegetation wohl einen neuen grafischen Standard setzen. Bleibt die Frage, wann das erste Videospiel kommt, bei dem die Natur die Hauptrolle spielt. Und wie lange es noch dauert, bis Greenpeace unter die Entwickler geht und als ersten Titel “Mission: Global Warming” oder “Gen-Food Raider” veröffentlicht.

www.redstorm.com
www.speedtree.com



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