
Scarface
Vivendi Games
20.11.2006, 06:00, Text:
Gregor Wildermann
Story: Was dem einen sein Ende, ist dem anderen sein Anfang. Im Brian-de-Palma-Film “Scarface” endet die Karriere des Exilkubaners Tony Montana im Treppenhaus seiner Neo-Barockvilla in einer Schießerei, bei der selbst Kriegsveteranen im Kino einen Helm aufziehen würden. Im Spiel lässt Tony den Tod im eigenen Springbrunnen aus und flüchtet rechtzeitig in ein Versteck, nur um danach die blutige Rache am Drogenbaron Sosa in die Tat umzusetzen. Neben den typischen Florida-Locations und angrenzenden Karibikinseln sorgen der komplette Giorgio-Moroder-Soundtrack sowie drei Dutzend weitere Tracks für stilgetreue akustische Untermalung.
Handling: Montana muss im Spiel wieder ganz von vorne anfangen, erste Drogendeals und andere Strafregister-Favoriten füllen nach und nach die Kriegskasse. Montanas Handlungen füllen dabei stetig die sogenannte “Balls-Anzeige”, die sich bei Levelende in Geld und Respektbewertungen niederschlägt. Sie aktiviert aber auch eine weitere Filmanlehnung: Für Schießereien im Koks- und Adrenalinrausch aktiviert man das “Rage-Meter”, das den Bildschirm rötlich einfärbt und die Ansicht in die Ego-Perspektive und leichte Zeitlupe wechseln lässt. Auch bei Drogendeals, die über Reaktionstests mit den Dealern ablaufen, muss man am Controller Geschicklichkeit beweisen.
Was bleibt: Eine unzensierte Xbox-Version inklusive Kettensäge ist zwar nur als Import über England zu haben, aber auch in der vorliegenden Version avanciert “Scarface” noch mal zum echten Überzeugsargument, die PlayStation2 doch nicht einzumotten. Sah eine frühe Fassung noch wie ein billiger “GTA”-Abklatsch aus, zeigt die finale Version durch ihre ideen- und detailreiche Präsentation echten Charakter. Die wahrlich konsequente Filmfigur des Tony Montana erweist sich in der Videospielfassung als perfekte Vorlage, frühere Gangsterspiele recht alt aussehen zu lassen. Einziger Kritikpunkt mögen die oft sehr frustrierend angesetzten Speicherpunkte sein, die automatisch dazu führen, dass man mit dem virtuellen Tony wesentlich vorsichtiger umgeht, als es dem Filmvorbild lieb sein dürfte.
Glanzlicht: Dutzende Spiele rühmen sich mit aufwendigen Motion-Capturing-Verfahren, und letzten Endes bewegen sich die Spielfiguren doch wie alberne Marionetten durch die Levels. “Scarface” kann es bestens verschmerzen, dass Al Pacino nicht selbst den Synchronstimmenjob übernahm, denn es ist seine Gestik, die von den Entwicklern perfekt eingefangen wurde. Tony Montana lebt hier definitiv weiter, und das ist so überzeugend und stellenweise so irrwitzig authentisch, dass man den Originalfilm fast vergisst. Und wenn dort 207 Mal das Wort “Fuck” vorkommt, ist es hier nahezu ungezählt möglich. Warum mussten wir darauf so lange warten?
Genre: Action-Shooter im “GTA”-Stil
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