
Star Wars Galaxies
Wir sind das Volk
18.09.2006, 16:59, Text:
Gregor Wildermann,
Gregor Wildermann, Foto: Gregor Wildermann
Alexander ist sauer. Er tippt ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch in einem der Konferenzräume der Messe Leipzig. Zur Games Convention haben sich dort am Freitagmorgen rund 40 Fans des Onlinespiels “Star Wars Galaxies” eingefunden, um Erfahrungsaustausch zwischen Spielern und Entwicklern zu betreiben. Aktive Demokratie für den Bewohner der neuen Onlinezeit. Neben den Spielern sind als Initiatoren des Treffens auch einige der Entwickler des Spiels anwesend. Alexander, der im richtigen Leben momentan keine Lehrstelle hat, spielt schon seit 1238 Tagen den Charakter mit Namen July Priss, eine Entertainerin, die als eine von momentan neun möglichen Berufsgruppen das Rollenspiel im “Star Wars”-Universum bevölkert. Dazu gesellen sich Mediziner, Händler, Spione, Schmuggler, Offiziere, Kopfgeldjäger und natürlich Jedis.
Viele Jedis, sehr viele Jedis. Und genau da liegt das Problem für Alexander und alle anderen Teilnehmer des Onlinespiels. Denn was seit drei Jahren als große Vision eines digitalen Abbildes der Welt von “Star Wars” von einigen Hunderttausend Spielern bevölkert wird, erlebte im letzten November einen radikalen Schnitt: Praktisch über Nacht wurden 27 Berufsgruppen aufgelöst. Ungezählte Spielstunden und Tausende von Erfahrungspunkten lösten sich in digitale Luft auf. Weil zusammen mit einem Update plötzlich auch Jedis zugelassen wurden, was dem Spiel mehr Abwechslung bringen sollte. Produzent Julio Torres, der das Onlinespiel “Galaxies” seit fünf Jahren begleitet, erinnert sich mit sichtbar betrübtem Blick an diese Entscheidung: “Wir haben mehr als ein Jahr nur darüber verhandelt und nachgedacht, wie viele Jedis das Spiel verträgt. In der ganzen Zeit war das der bestimmt schwierigste Teil meiner Arbeit, und die Entscheidung für Jedis im Spiel wurde nur für das Gameplay und nicht für die Geschichte von ‘Star Wars’ gefällt.”
Julio Torres selbst räumt ein, man habe sich mit der ganzen Idee des Spiels zu Beginn übernommen und die von Filmfans überhöhten Erwartungen an ein virtuelles Leben im ‘Star Wars’-Universum hätten nie erfüllt werden können – auch technisch nicht. Gerade deshalb sucht LucasArts durch “Fan-Meetings” den direkten Dialog zu seinen Spielern, deren Engagement wie hier auch mal den Charakter einer “Montags-Demo” annimmt. Zum Beispiel bei Gary Rendal, einem Mittdreißiger aus dem Süden von England, der nur wegen des Treffens nach Leipzig gefahren ist. Im Spiel ist er Bürgermeister und will wissen, wie zukünftig die Wiederwahl von Politikern geregelt wird. Eine andere Teilnehmerin aus Schweden spielt einen männlichen Jedi, beschwert sich aber darüber, dass zu viele schwache Gegner im Spiel keine Herausforderung mehr bieten. Julio Torres und sein Team hören sich diese Anmerkungen geduldig an, versprechen Abhilfe oder betonen, dass diese Wünsche schon längst auf der To-do-Liste stehen. In so genannten Chapters werden immer mehr Korrekturen des Spiels eingearbeitet, und wie in einer echten Welt gibt es dafür ein ständiges Pro und Kontra bei den Spielern. Torres und seinem Team ist die Gratwanderung der unterschiedlichen Interessen bewusst, allerdings sieht er sich im Zusammenhang mit der monatlichen Teilnehmergebühr von “Galaxies” auch wie ein Kinobetreiber zum Entertainment verpflichtet: “Wir dürfen nicht vergessen, dass uns das Feedback der Spieler sehr wichtig ist und wir viele ihrer Vorschläge und Wünsche über die Forumseinträge oder direkte E-Mails auch umsetzen. Wir haben als Entwickler aber auch die Pflicht, unsere Spieler mit eigenen Ideen zu überraschen. Die Spieler bezahlen uns jeden Monat und erwarten dafür auch gute Ideen von uns.”
Für George Lucas und seine Firma LucasArts gibt es zu der Grundidee einer virtuellen “Star Wars”-Galaxis längst kein Zurück mehr, und in Zukunft wird diese Parallelwelt noch wichtiger werden. Denn wer bisher angenommen hatte, mit dem sechsten Film sei endlich der Deckel auf dem galaktischen Ideenkochtopf geschlossen worden, wird spätestens 2007 eines Besseren belehrt: Mit dem 30-jährigen Jubiläum kommt zuerst “A New Hope” in der 3D-Version ins Kino. Dazu gesellen sich eine neue in Singapur produzierte und animierte TV-Serie sowie eine weitere Fernsehserie mit “echten” Schauspielern, die Lucas selbst stilistisch als “Deadwood in Space” einordnete. All dies wird vom neu bezogenen “Letterman Digital Arts Center” geleitet, bei dem in der Bucht von San Francisco nun LucasArts, Industrial Light & Magic (ILM) und die anderen Firmenzweige erstmals an einem Ort untergebracht sind. Schon jetzt spricht Julio Torres folgerichtig vom “Game-Movie-System”, das man mehr und mehr ausbauen werde. Unter anderem mit zeitlich fest angesetzten Spielevents wie “The Conflict On Restuss”, bei dem sich vor einigen Monaten innerhalb von “Galaxies” gut zweihunderttausend Spieler gleichzeitig beteiligten. Eine epische Schlacht, die jedes Fernsehprogramm oder jeden Kinofilm verstaubt aussehen lässt. Nur Alexander a.k.a. July Priss hatte als Entertainerin von Laserduellen wenig davon und wird noch auf Abwechslung warten müssen. In einer Galaxis weit, weit entfernt ...
http://www.lucasarts.com
http://starwarsgalaxies.station.sony.com
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