
B-Boy
I want to break free
21.08.2006, 06:00, Text:
Heiko Behr
Da sitze ich also mit Crazy Legs, dem ultimativen B-Boy der one and only legendary Rocksteady Crew, und versuche einen Smalltalk-Einstieg: “Jetzt laufen die Feierlichkeiten zu eurem 29. Geburtstag schon ganz gut an. Bist du zufrieden?” – “Ja.” Okay, aufgelaufen. Noch mal zurück zum Anfang.
Die Sonne brennt unbarmherzig auf den unscheinbaren, aber legendären Basketball-Court irgendwo in Downtown Manhattan, der nur durch einen Maschendrahtzaun von der linealgraden Avenue abgetrennt wird. Einige Kids üben Sprungwürfe. Direkt daneben zieht sich die Menschenmenge immer enger um die B-Boys, die auf dem glühenden Asphalt rotieren. “Ich will Blut sehen”, ruft Richard “Crazy Legs” Colon und grinst breit. Klassische Funk-Breaks wehen über den Platz. Der Stromgenerator brüllt und verbrennt Benzin. “Everybody give it up for Sony”, murmelt der DJ, “Sony is in the house.” Ja, Sony ist auch in diesem Haus.
Nach Mark Eckos Graffiti-Game “Getting Up: Contents Under Pressure” (Vgl. Intro #137) wird jetzt ein weiterer HipHop-Pfeiler im Videospielsegment veröffentlicht: “B-Boy”, das ebenjener Crazy Legs zusammen mit FreeStyleGames entwickelt hat. Generell ein schwieriges Unterfangen, wenn ein Genre, das dermaßen fixiert ist auf seinen Authentizitätsgestus, sich mit der großen Industrie einlässt. Und im Gegensatz zu Rap, der regierenden Popmusik dieser Tage, hat sich die Säule “B-Boying” – nach einigem Hin und Her – den Charakter des Undergrounds bewahrt. Dieser Problematik ist sich Crazy Legs bewusst: “Das war mir von Anfang an klar. Aber FreeStyleGames hat sehr eng mit mir zusammengearbeitet. Wir haben uns darum bemüht, die Integrität zu bewahren und die Kunst des B-Boying nicht zu verraten.”
Tatsächlich gibt es keine Frontfigur dieser Kultur, der man eher vertrauen könnte als Crazy Legs. Der mittlerweile 41-Jährige hatte die bereits siechende Breakdance-Bewegung 1981 quasi eigenhändig in den Fokus des Mainstreams gebracht. Der Fotograf Henry Chalfant war auf den begabten Tänzer aufmerksam geworden und lud ihn kurzerhand ein, mit seiner Crew beim renommierten Lincoln Center Outdoor Program aufzutreten. Plötzlich standen die Ghettokids also vor weißem Hochkulturpublikum. Der dann abgehaltene Battle mit der rivalisierenden Crew The Dynamic Rockers gilt auch heute noch als früher Höhepunkt der Kultur. Es kam, wie es kommen musste: Immer mehr interessierten sich für diese marginalisierte Truppe, zunehmend wurden Graffiti-Künstler, Rollerskater, DJs und – oops – Frauen aufgenommen. Aus der Ghetto-Bruderschaft war eine HipHop-Familie geworden. Besonders, wenn Crazy Legs selbst in den Cypher, den Ring, steigt, sieht man deutlich, woher diese innercity Subkultur kommt: Ähnlich wie in den Wortwechseln der Rapper geht es darum, einerseits den Gegner zu deklassieren, zu erniedrigen und andererseits sich selbst als die geilste Sau der Gegend zu präsentieren. Crazy Legs nutzt dazu sein gesamtes Mienenspiel, jede Geste, jede Handbewegung. Okay, er ist immer noch die geilste Sau weit und breit. In diesen ritualisierten Kämpfen wurden und werden also Auseinandersetzungen ausgetragen – quasi als Ersatz für lebensgefährlichen Beef mit der Waffe. Oder?
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