Computerspielen in Russland

Alles gleich, nur anders

21.04.2006, 18:00, Text: Felix Scharlau

Computerspielhandel in Russland? Das kann doch eigentlich nicht funktionieren, so das gängige Klischee von dem Land, in dem viel Kapitalismus und umso weniger Urheberrechtsverständnis angekommen zu sein scheint. Und tatsächlich: In Moskau wird diese Theorie untermauert durch zahlreiche, über die Stadt verstreute Schwarzmärkte mit fest installierten Ladenlokalen. Dort gibt es neben Musik-CDs und DVDs auch jedes brandaktuelle PC- oder PS2-Spiel für meistens 150 Rubel (circa 4,50 Euro) – industriell raubkopiert und mit Cover und Hülle offen verkauft. Zum Beispiel “Getting Up: Contents Under Pressure” von Marc Ecko, das erst kurz vor unserer Abreise nach Moskau erschienen war.

Und doch: Mit Computerspielen lässt sich in Russland Geld verdienen. Das belegt der Erfolg zahlreicher russischer Games-Developer und -Publisher. Und den gewährleisten nicht nur der riesige Markt und die stetig steigende Zahl an Spielefans, sondern interessanterweise auch eine kalkulierte Preispolitik von Seiten der Hersteller.

“Als wir Anfang der 90er anfingen, war das mit der Produktpiraterie noch nicht so schlimm”, erinnert sich Irina Semenova vom Developer und Publisher Akella, der nördlich vom Moskauer Zentrum in einem unscheinbaren ehemaligen Fabrikgebäude über 200 Mitarbeiter beschäftigt. “Wir konnten damals unsere Verpackungen noch aufwändig gestalten und Spiele zu unterschiedlichen Preisen verkaufen. So um 1998 waren dann aber 90 Prozent all der in Russland vertriebenen Spiele Raubkopien. Da mussten sich alle drauf einstellen, sodass nur noch Jewel- oder maximal DVD-Boxes als Verpackung in Frage kamen, um fast den gleichen geringen Preis wie die raubkopierten Spiele zu ermöglichen und uns so überlebensfähig zu machen.” Der Neupreis liegt bei Akellas PC-Spielen mittlerweile bei circa zwei bis drei Euro für ein 1-Disc-Spiel (bei Spielehits auch bis zu zehn) – rentiert sich aber, wenn wie im Falle des von Akella entwickelten Spiels “Age Of Pirates” in den ersten drei Tagen mehr als 200.000 Stück legal verkauft werden. Als Folge ist nach neuesten Untersuchungen der Anteil raubkopierter Computerspiele in Russland so auf knapp 50 Prozent gesunken.

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