Videospiele-Soundtracks aus Fernost

Japan spielt dem Rest der Welt etwas vor

21.02.2006, 17:09, Text: Max Scharl, Max Scharl

\"GTA III\", \"Vice City\" oder \"San Andreas\" heißen in Europa und Nordamerika die Blockbuster der vergangenen Jahre, die Videospieler nicht nur aufgrund ihres Gameplays, sondern auch wegen ihres Soundtracks verzückten. Take 2 nutzte die Gunst der Stunde und veröffentlichte Soundtrack-Boxen für bis zu 45 Euro. Ein wirtschaftlich guter Schachzug, mit lizenzierten Klassikern aus den verschiedensten Genres den Spieler emotional zu beglücken. Doch was hierzulande schon als spektakulär empfunden werden könnte - in Japan gelten in Bezug auf Videospiele-Soundtracks schon lange ganz andere Regeln.

Im Land der aufgehenden Sonne gibt es eine Subszene, die sich in den späten 80ern entwickelte, als Spielhallen noch immer weiter verbreitet waren als Heimumsetzungen.

Schon zu dieser Zeit wagten es Hersteller wie Sega, die musikalische Untermalung auf Vinyl zu pressen, auf dass die digitalen Junkies dann auch daheim \"Splash Wave\" oder \"Magical Sound Shower\" genießen und das Urlaubsfeeling von \"OutRun\" nacherleben konnten. Doch die großen japanischen Entwickler wären nicht sie selbst, wenn auf diesen Trend nicht schon bald eine Reihe weiterer Unterkategorien gefolgt wäre: Remixe, Compilations, Arranges, und das alles verpackt in Special-Editions der Spiele, als eigenständiges Album auf dem Musikmarkt oder mit Spielszenen auf DVD. Lizenzierte Musik ist größtenteils tabu. Und wenn, dann nur, um kleinen Bands zu einem Sprung in die Entertainment-Branche Nummer eins zu verhelfen oder um den Markt außerhalb Japans zu versorgen.

Doch nicht jede Arbeit der jeweiligen Musiker besitzt die gleiche Veröffentlichung oder Verbreitung. \"F-Zero X - Guitar Arrange\" ist ein gutes Beispiel für ein Remix-Arrange. Ein vierfaches Gitarren-Bending begrüßt den Zuhörer, gefolgt von drei schnellen Riffs, und schon geht's nach einer Pause von einer halben Sekunde brachial zur Sache. Der N64-Vertreter wurde von Nintendo als Vorbild genommen, um ein Album der klassischen F-Zero-Musik mit Melody-Metal-Anstrich zu schaffen. Der Fan bekommt bei der Ver'Metal'isierung des früheren Chip-Gedudels \"Big Blue\" oder \"Mute City\" entweder einen Herzinfarkt oder eine Gänsehaut mit Glücksgefühlen im Bauch und lernt die fast schon verspielte, dennoch professionelle Spielweise zu schätzen.

Das Genre der \"Shoot'em ups\" hat in Japan wiederum eine angenehm große Fangemeinde. Das relativ junge Haus G.Rev bediente im Jahre 2003 den Sega-Dreamcast mit \"Border Down\", einem Horizontal-Shoot'em-up mit neuartigen \"Border\"-Spielelementen und einem durch Synthesizer geprägten Elektro-Pop. G.Rev fackelte nicht lange und bot den Soundtrack nicht nur in den Regalen der japanischen Musikläden an, sondern werkelte sogar an einer \"Special Edition\" des Spiels, das durch ein alternatives Cover und eine Doppel-Jewel-Case glänzt. Auf der einen Seite die Game-CD, auf der anderen der Soundtrack mit Booklet. Hohe Qualität für Augen und Ohren für eine scheinbar kleine Fangruppe. Subszenen gehen hier also Hand in Hand.

In eine komplett andere Richtung bewegte Nintendo ein Album namens \"Super Mario Compact Disco\". Und man kann es irgendwie nicht glauben, dass es sich dabei um ein offizielles Nintendo-Produkt handelt. Der selbst ernannte Rapper \"M.C. Mario\" spiegelt das typische Happiness-Gefühl auf dieser Platte wider. Zusammen mit Soundeffekten und der Hintergrundmusik aus bekannten GameBoy-, NES- und SNES-Mario-Titeln wird mit einem Ohrwurm-Beat gerappt und gereimt. Es wurde ein eigenes Musik-Konstrukt geschaffen, das von so ziemlich jeder Zielgruppe gehört und geliebt werden kann. Der Aufforderung \"put the CD in and press play!\" am Ende der Scheibe kommt man selbst beim dritten Durchhören gerne nach.

Maxi-CDs mit einem Vorgeschmack auf das volle Album findet man neuerdings auch unter den Videospiele-Soundtracks. Als Beispiel dient die so genannte \"Special Bonus CD Vol. 2\" des Shoot'em ups \"Chaos Field\" von Milestone - ein Genre-Vertreter, der ein Fest für Liebhaber gigantischer Boss-Fights darstellt. Die CD enthält zwei Remixe des eigentlichen Albums mit einer längeren Spieldauer von fast zehn Minuten. Für umgerechnet zwei Euro kann man selbst als Neu- oder Quereinsteiger nicht viel falsch machen. Der kommerzielle Erfolg solcher Veröffentlichungen ist übrigens nicht weiter verwunderlich: In Japan rechnet sie sich selbst für kleine Entwickler - dank einem begeisterten Publikum für eigens für Videospiele geschriebene Musik.

Als europäischer Videospieler muss man sich angesichts solcher Traditionen im Ausland ernsthaft fragen, mit welcher Politik uns die lokalen Publisher begegnen. Wenigstens können wir uns mit Communitys im Internet und europäischen Musikern in Japan-Produktionen trösten, die uns diese ferne Welt ein wenig näher bringen. Auch wenn das originale Feeling nicht überschwappen will.



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aus Intro #136 (März 2006)
 
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