HipHop-Games

Goldkette trifft Controller

25.10.2005, 13:35, Text: Gregor Wildermann, Gregor Wildermann

Diese Szene blieb unvergesslich: In der Filmkomödie \"I'm Gonna Git You Sucka\" (1988) stirbt am Anfang ein B-Boy, weil ihn das Gewicht seiner Goldketten überfordert hat. Lange vor den Luxus-Orgien eines Puff Daddy oder dem jetzt jahrelang gepflegten Gangster-Image vieler HipHop-Künstler gab der Lifestyle des HipHop schon ein gutes Motiv für die Karikatur seiner selbst. In Videospielen hatte die Reflexion von HipHop bis auf ganz wenige Ausnahmen bisher aber gerade mal eine Statistenrolle inne. Immerhin schaffte es 1999 der Wu-Tang Clan, sich im Spiel \"Shaolin Style\" als Martial-Arts-Helden zu profilieren. Abseits davon schien HipHop als sozialkritische Jugendkultur bisher kein Thema für die digitale Videospielwelt, und selbst als Soundtrack wurde erst mit dem Erfolg von Skater- und Basketballspielen ein Weg gefunden, auch dieses Medium zu nutzen.

Doch nun scheinen ganz neue Regeln zu gelten, denn plötzlich taucht eine ganze Flut von Spielen auf, in denen Gangster-Rapper und Homeboys die Hauptrolle spielen. Wird das vom Musikfernsehen gepflegte Bild der schießwütigen Rapper jetzt einfach in die Videospielwelt gespiegelt?

Die ersten Ergebnisse dieser neuen Welle könnten in ihrem Inhalt kaum weiter auseinander liegen. Noch vor Weihnachten erscheint das Konsolenspiel \"Bulletproof\", in dem 50 Cent als Videospielcharakter auftritt. Die Story zum Spiel und zum parallel startenden Kinofilm schrieb Terry Winter, der bisher als Produzent bei der HBO-Serie \"Sopranos\" arbeitete. Erste Spielszenen zeigen 50 Cent in einem Action-Shooter, der sich vor allem durch die unterschiedlichen Tötungsmöglichkeiten auszeichnet, deren Beherrschung die Spielherausforderung ist. Dazu soll es im Spiel das Musikstudio The Lab geben, zu dem 50 Cent auch exklusive Tracks beisteuert. Das Hauptproblem von \"Bulletproof\" dürfte die fehlende Trennung zwischen Fiktion und Realität sein. Zusammen mit dem autobiografischen Kinofilm wird der Eindruck vermittelt, im Spiel würde die Lebensgeschichte von 50 Cent nacherzählt. Jeglicher Showaspekt wechselt somit in einen dokumentarischen Charakter, der gerade von jüngeren Spielern oft nicht mehr differenziert wahrgenommen wird. So muss sich \"Bulletproof\" den Vorwurf gefallen lassen, dass es bewusst auf den Schockmoment und den folgenden Skandal setzt. 50 Cent und die Entwickler betonen zwar die wichtige Rolle der Musik im Spiel, allerdings sprechen die Werbetrailer eine ganz andere Sprache.

Ein Problem mit der Gesamtaussage hatte erst vor wenigen Monaten auch das Spiel \"Def Jam - Fight For NY\", das in Deutschland mit einem \"Ab 18\"-Aufkleber erschien. Wie schon im Vorgänger dient dort der Def-Jam-Artistrooster als Auswahl eines Beat-'em-up-Wrestling-Spiels, bei dem Musik eine fast schon absurde Nebenrolle spielt. Äußerst komisch und im Gesamteindruck vollkommen übers Knie gebrochen war auch der gerade veröffentlichte UbiSoft-Titel \"187 - Ride Or Die\", in dem Drive-by-Shootings mit Autorennspielen gekreuzt wurden. Der Erfolg der \"GTA\"-Serie dürfte zu einem guten Teil der Grund sein, warum solche Spiele mit Gangsterhintergrund plötzlich bei den Entwicklern so populär sind. Dabei darf man sich fragen, warum sich die Musiker gerade vor diesen Karren spannen lassen.

Die Mitglieder von Eminems D12-Crew tauchen zum Beispiel in Konamis \"Crime Life - Gang Wars\" auf und stehen dann in der deutschen Version neben einem deutschen Rapper wie Spax. Bei Eidos erscheint nächstes Jahr das Spiel \"25 To Life\" (Standardbegriff für lebenslängliche Verurteilung), in dem Homeboys und Polizisten sich gegenseitig das Leben schwer machen. Der vielleicht authentischste Beitrag könnte 2006 von John Singleton kommen, der beim Publisher Midway als Produzent von \"Fear And Respect\" aufschlägt. Der Regisseur von Filmen wie \"Boyz 'N The Hood\" oder dem aktuellen \"Four Brothers\" macht niemand Geringeren als den jungen Goldie alias Snoop Doggy Dogg zum Helden seiner Videospielgeschichte.

Spielerisch und inhaltlich ganz andere Akzente setzt Mitte November Ataris \"Getting Up - Content Under Pressure\", für dessen Story der Modemacher Marc Ecko verantwortlich zeichnet. Im Mittelpunkt steht Trane (synchronisiert von Afrob), der in einer fiktiven urbanen Stadt seine Tags und Graffitis hinterlässt und dabei mit gegnerischen Sprayern oder der Polizei konfrontiert wird. Neben einem ausgewählten Soundtrack zeigt die Mitwirkung von Graffiti-Legenden wie Cope 2, Futura oder Shepard Fairey (OBEY), dass nicht nur Mord und Totschlag im Mittelpunkt stehen müssen. Das gleiche Ziel verfolgt auch \"Flow - Urban Dance Uprising\" (UbiSoft), das erste Breakdance-Spiel mit Einbindung der EyeToy-Technologie der PlayStation 2. Die ersten Fehlgriffe in der inhaltlichen Besetzung sollte man also ignorieren und auf die Titel setzen, bei denen HipHop als vielfältige Kultur und nicht nur als Gangsterepos verstanden wird. Und eine Wahrheit gilt seit gut zwei Jahrzehnten: HopHop - Don't Stop!

www.50centbulletproof.com
www.atari.com/gettingup
www.25tolife.com
www.187game.com
www.konami-crimelife.com
www.edgeofreality.com




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