
E3
Showdown in Downtown
28.06.2005, 11:30, Text:
Gregor Wildermann,
Gregor Wildermann
Eigentlich rechnet man jede Sekunde mit dieser typischen Western-Einstellung: Ein Strohballen rollt von links nach rechts durchs Bild, und eine schwarze Krähe ist neben dem Pfeifen des Windes die einzige Klangquelle. Als Besucher der weltweit größten Videospielmesse Electronic Entertainment Expo (E3) verschlägt es einen zwangsweise nach Downtown Los Angeles, wo außer dem Staples Center für alle Lakers-Fans nur langweilige Bürotürme stehen. Michael Mann wusste, warum er die einsamsten Szenen von \"Collateral\" in dieser Gegend drehte.
Doch zur E3 ergoss sich ein Schwarm von Menschen in Richtung Convention-Center, wo 400 Aussteller aus insgesamt 90 Ländern gut 1000 Neuvorstellungen aus dem Bereich der Computerspielunterhaltung zeigten.
Doch was darf ich, du, er, sie, es von den neuen Konsolen erwarten? Nach Dutzenden von Messestandbesuchen, auf exklusiv getrimmten \"behind closed doors\"-Präsentationen und hastig in die Hand gedrückten Presse-CDs schien ein Wort ein perfekter gemeinsamer Nenner: Kosmetik. Kein einziges Spiel zeigte eine vollkommen neue Spielidee - stattdessen Hochglanz-Versionen bereits bekannter Titel, die dafür wie im Fall von \"Killzone 2\" (für PS3) oder \"Call Of Duty 2\" (für Xbox360) auch absolut beeindruckend wirkten. Doch ist das wirklich eine Überraschung? Videospiele haben immer davon gelebt, dass sie in der nächsten Generation besser aussahen, doch die Popularität von Retro-Spielen beweist, dass gutes Gameplay nicht durch Grafik ersetzbar ist. Für Entwickler bedeuten die neuen Konsolen im besten Falle ein Ende von kreativen Restriktionen, was im Fall vom Xbox360-Basketball-Spiel \"NBA Live 2006\" (EA) auch klar verdeutlicht wird: Erstmals schafft die Rechenleistung die Möglichkeit, die Spieler in ihren Originalgrößen mit richtigem Verhältnis von Armen, Beinen und Köpfen abzubilden. Scheinbar ein unwichtiges Detail, doch für die Spieltiefe durchaus entscheidend. Dabei werden die Umwälzungen nicht über Nacht geschehen, denn viele Entwickler brauchen mehrere Jahre, um die Möglichkeiten der Hardware vollständig auszunutzen. Und so stehen die Ladentermine für Sonys Playstation3 und Nintendos Revolution auch erst für Ende 2006 an.
Auf der E3 wurde aber auch ein bereits bekannter Trend noch deutlicher: Neben der eher stagnierenden Filmindustrie und eher schrumpfenden Musikbranche etablieren sich Computerspiele in unterschiedlichsten Formaten und Genres als eine Medienindustrie, die trotz mangelnder Akzeptanz von Seiten der Hochkultur vor allem wirtschaftlich ernst genommen werden muss. Der Finanzanalyst Price Waterhouse Cooper schätzt für das Jahr 2008 die weltweiten Ausgaben für Videospiele auf 55 Milliarden US-Dollar, während die Musikindustrie dann gerade mal noch 33 Milliarden US-Dollar einbringen soll. Und auch auf der diesjährigen E3 nahmen wieder Videospielumsetzungen bekannter Kinofilme wie \"Der Pate\", \"Scarface\", \"The Warriors\" oder das Spiel zu Peter Jacksons neuer \"King Kong\"-Verfilmung einen großen Raum ein. Dabei zeigte aber gerade das vergangene Jahr, dass der Verkaufsstart eines neuen Videospieltitels bei den Einnahmen selbst die größten Hollywood-Produktionen in den Schatten stellen kann: Konsolenspiele wie \"Halo 2\" (Microsoft), \"GTA San Andreas\" (Take2) oder \"Gran Turismo 4\" (Sony) erzielten weltweit bereits in den ersten Verkaufstagen Beträge weit über der Grenze von 100 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig wird der Entwicklungsaufwand für solche Spiele immer größer, und besonders kleinere Videospielentwickler kämpfen durch geringe Gewinnmargen und eher bescheidene Verkaufszahlen um ihre Existenz. Steht mit der neuen Konsolengeneration also der große Showdown ins Haus? Es sieht danach aus. www.e3expo.com
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