
Michael Haneke Box
Wolfzeit / Das Schloss / Code unbekannt / 24 Wirklichkeiten in der Sekunde
[R: Michael Haneke, Nina Kusturica, Eva Testor; Absolut Medien]
16.08.2007, 17:34, Text:
Peter Scheiffele
Die Handschrift des österreichischen Filmemachers Michael Haneke ist unverkennbar. Als Seziertechnik eines Pathologen, der in entfremdete Verhältnisse eingreift, um sie offenzulegen, modellhaft zu verdichten und den Zuschauer zu konfrontieren, ist die Signatur in fast allen seinen Filmen präsent - die vorliegende Box bestätigt dies. In \"Code unbekannt\" und \"Wolfszeit\" modelliert Haneke gesellschaftliche Szenarien des Scheiterns der Kommunikation und des fast beiläufigen Einbruchs von Gewalt, dramaturgisch unversöhnlich und mit je unterschiedlichen Konsequenzen für die Protagonisten: Abschiebung oder Verhaftung, Demütigung oder Traumatisierung. Haneke verwendet Mittel, die den psychologischen Realismus des Mainstream stets zu umgehen versuchen. Dem Zuschauer wird keine Möglichkeit gelassen, sich in der Pathologisierung des Einzelfalls aus der Verantwortung zu stehlen. Die Verfilmung von Franz Kafkas \"Schloss\"-Fragment mag auf den ersten Blick aus der Reihe tanzen: Hölzern wirkt die Erzählstimme aus dem Off, fast theatralisch die Szenerie. Jedoch erkennt man ein Leitmotiv, das Hanekes Werk durchzieht: das Fremdsein in der Welt. Der entfremdende bürokratische Verwaltungsakt, die dezentrale Macht der Agentenschaft erscheinen vollständig in die sozialen Verhältnisse eingelassen, leiten sie an und sind der Rückbindung auf Verantwortlichkeiten vollständig entzogen.
Doch die Strenge und Klarheit, mit der Haneke die emotionale Vereisung in seinen Filmen herausarbeitet, wird nicht einfach in die Rezipienten hineinverlängert. Im Gegenteil: Indem Haneke konsequent die gewohnten filmischen Techniken der emotionalen Bindung und Identifikation verweigert, eröffnet er auf Seiten der Zuschauer einen Reflexionsraum und löst bisweilen eine Bewegung aus, Ähnlichkeiten mit dem Vorgeführten im eigenen Leben zu suchen. Denn eine Antwort auf die Frage, wer das auf der Leinwand ist und was er mit dem persönlichen Alltag gemein hat, liefert bei Haneke niemals der Film selbst, sondern obliegt stets der Verantwortung der Zuschauer. Wer von der kritischen Haltung Hanekes und von seinem selbstreflexiven Umgang mit den Medien noch mehr erfahren will, als dieser selbst eh schon in seinen Filmen durchblicken lässt, der sei auf das ebenfalls im Paket enthaltene Porträt \"24 Wirklichkeiten in der Sekunde\" von Nina Kusturica und Eva Testor verwiesen.
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