Charlotte Roche - Das Interview: Who The Fuck Is Alice? Artikelbild (groß)

Charlotte Roche

Das Interview: Who The Fuck Is Alice?

07.09.2011, 12:33, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Sandra Stein
[60 Kommentare]

Charlotte Roches Debütroman »Feuchtgebiete« wurde erst belächelt – dann staunten alle. Die Geschichte verkaufte sich fast zwei Millionen Mal.

Eigentlich hatte nach dem Buzz niemand damit gerechnet, dass die »Fast Forward«-Ikone ein weiteres Buch wagen würde. Jetzt gibt es »Schoßgebete« und wieder viel Trubel. Wolfgang Frömberg sprach mit Charlotte Roche über ihre Romane als Medienereignisse.

Nach unserem letzten Gespräch vor drei Jahren dachte ich kurz, dass ich zaubern kann.
Warum?

Ich schrieb daraufhin, ich sähe »Feuchtgebiete« gerne ganz oben auf der Bestseller-Liste. Und siehe da ...
Es konnte wohl nur daran liegen. Niemand sonst hat mir das gewünscht ...

Dann hab ich Stephen King den Literaturnobelpreis gewünscht und gemerkt, dass der Überraschungserfolg wohl doch etwas mit dir zu tun gehabt haben muss. Wie hast du selbst den Rummel um »Feuchtgebiete« erlebt?
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich Angst hatte, die erste Auflage von 15.000 wäre ein bisschen übertrieben. Bei einem Riesenerfolg sieht es nachher so aus, als hätte man das extra gemacht. Aber als ich »Feuchtgebiete« ganz alleine mit mir selbst geschrieben habe, kam mir das vor wie ein sehr schwieriges Buch. Selbst aufgeilende Stellen sind sofort auch wieder total ekelhaft. Mein Ziel war es, etwas zu schreiben, bei dem ich das Gefühl habe: Das gibt's noch nicht. So von innen heraus. Ganz mutig.


Man muss dich schon Medienprofi nennen, du hast lange fürs Fernsehen gearbeitet ...
... Mediennutte kann man auch sagen ...

... aber wie hat es sich angefühlt, dass deine Figur Helen Memel plötzlich als du selbst wahrgenommen wurdest?
Viele haben ja gesagt: »Das kann man sich nicht ausdenken« – was auch eine Beleidigung für die Autorin ist. Ich hab im Lektorat viel übers Schreiben gelernt. Der Knallersatz vom Lektor: »Eine kleine Geschichte in dem Buch ist total unglaubwürdig.« Und ich sag: »Ja, wieso? Das ist aber wirklich so passiert!« Und dann sagt er: »Das tut aber überhaupt nichts zur Sache. Das ist so unglaubwürdig beschrieben. Selbst wenn diese Geschichte echt passiert ist, du musst sie umschreiben.« Was ja beweist, dass komplett ausgedachte Geschichten viel realistischer auf den Leser wirken können als echte Tatsachenberichte. Wenn jemand Sachen falsch versteht, dann ist das einfach so.

Gibt es Kritik, mit der du etwas anfangen kannst?
Wenn ich ganz genau weiß, dass jemand mir gegenüber loyal ist, kann ich eine Kritik aushalten, weil ich ganz sicher bin, dass sie gut gemeint ist. Ich habe in der Fernseharbeit gemerkt, wie tief und verletzend Kritiken sein können, wenn es sehr persönlich wird. Buchkritiken lese ich nicht. Manche Journalisten wollen nur herausfinden, ob ich wirklich mit meinem Mann in den Puff gehe. Sie lesen alles eins zu eins und stellen im Interview total private Fragen. Und das ist ekelhaft.


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #196 (Oktober 2011)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: Intro
  • Intro 07.09.2011 | 12:33:00

    Charlotte Roches Debütroman »Feuchtgebiete« wurde erst belächelt – dann staunten alle. Die Geschichte verkaufte sich fast zwei Millionen Mal.

  • User: Casey Ryback
  • Casey Ryback 14.09.2011 | 12:38:26

    Ulkig.
    Macht nicht Kerner Werbung für Industriewurst und BILD?

  • User: Gandalf
  • Gandalf 14.09.2011 | 17:48:20
    Graue Eminenz
    Um mal die Diskussion anzuheizen. Das sagt Denis Scheck:

    Eine der Spielregeln unserer Mediengesellschaft scheint zu lauten: Jede Dummheit braucht einen Mutwilligen, der sie ausspricht. Roches "Schoßgebete" illustrieren dies aufs schönste. "Es geht bei mir wegen meiner Vergangenheit immer um Leben und Tod", plappert die Ich-Erzählerin, deren Biographie sehr eng an die ihrer Autorin angelehnt ist. Was folgt, sind fast 300 Seiten pseudoprovokative Dummheiten der Sorte "Ich hätte gerne mal einen anderen Schwanz im Mund, nur so.", "Alle Getränke mit Zucker sind bei uns verboten, zum einem aus ganz normaler Amerikafeindlichkeit und weil sie auch sehr ungesund sind." oder: "Weil ich ein Kind habe, bin ich von gesteigertem Wert". Dies ist keine hysterisch-neurotische Rollenprosa, dies ist eine Sammlung von Predigten.

    Ich weiß nicht, vor wem ich mich mehr grausen soll: vor einer Autorin, die solche Sätze schreibt, die aus kommerziellem Kalkül die literarische Nabelschau eine Etage tiefer legt und die unter dem Deckmantel des Exorzismus ein Familientrauma vermarktet – oder vor einer Literaturkritik, die bloß noch bejubelt, was marktgängig ist und diesen erbärmlichen Text keines Blickes würdigte, wäre seine Autorin eine 84-jährige Altenheimbewohnerin.


    Editiert von Gandalf am 14.09.2011 17:49:14

  • blueberry girl 14.09.2011 | 17:57:07
    °~*
    eine tolle frau, weiterhin, auch wenn hetero sex fantasien mich schon lange nicht mehr interessieren.

  • User: Reverend
  • Reverend 15.09.2011 | 11:42:48
    war immer aufrichtig

    die unter dem Deckmantel des Exorzismus ein Familientrauma vermarktet


    Natürlich sprechen alle Anzeichen dafür, dass das so ist, und beim lesen kamen mir diese Passagen (auch der Kontaktabbruch zu den Eltern) auch deutlich unangenehmer vor als die klinischen Sexbeschreibungen - nur halte ich es trotzdem für ausgeschlossen, dass Charlotte Roche das im Sinn hatte.

  • User: Wolfgang Frömberg
  • Wolfgang Frömberg 15.09.2011 | 16:07:14

    "Literaturkritik, die bloß noch bejubelt, was marktgängig ist und diesen erbärmlichen Text keines Blickes würdigte, wäre seine Autorin eine 84-jährige Altenheimbewohnerin."

    Dazu kann man sagen, dass die Literaturkritik (zumindest die, die Denis Scheck wohl meint) Charlotte Roches ersten Roman so lange ignorierte, bis es nicht mehr ging und ihre Bücher durchaus nicht nur bejubelt werden. Und was die 84-jährige Altenheimbewohnerin angeht, hat er wohl vergessen, mit welcher Intensität jeder neue Walser von der "Literaturkritik" inspiziert wird.

  • User: der kackofant
  • der kackofant 15.09.2011 | 16:52:53
    kannibalist
    charlotte roche macht es einem wirklich nicht leicht. tatsächlich scheint sie zumindest mit dem letzten, aber womöglich auch mit diesem buch, den kommerziellen erfolg zu haben, den man ihr lange gegönnt hat, nur aber leider mit dem, was sie m.e. am schlechtesten beherrscht. ihre interviews waren praktisch immer toll, sogar als schauspielerin in "eden" hat sie mich sehr positiv überrascht, aber es kann mir keiner erzählen, dass irgendein buchverlag diese skripte veröffentlicht hätte, wäre die verfasserin nicht schon vorher prominent gewesen. der schreibstil ist derart schlimm, dass sich einem schon die fussnägel einrollen.

    allerdings fand ich einige angriffe auch nicht sonderlich fair. dass alice schwarzer keinen anlass auslässt, sich wie der elefant im prozellanladen in szene zu setzen, kann schwerlich überraschen. allerdings wenn der stiefvater pressewirksam erklärt, frau roche hätte die familientragödie kommerziell ausgeschlachtet, mag man den ärger zwar verstehen, jedoch werde ich den eindruck nicht los, dass, wenn er es einigermassen gut mit seiner stieftochter gemeint hätte, er bei seiner beschwerde die öffentlichkeit aussen vor gelassen hätte.

  • User: Hauptmann Fuchs
  • Hauptmann Fuchs 15.09.2011 | 21:03:47
    zur Klärung eines Sachverhalts
    durchaus nicht nur bejubelt ist sehr milde ausdrückt. ich habe jedenfalls ausschließlich verrisse mitbekommen. herr scheck hat schon mal klügere dinge gesagt. ich sehe das allerdings auch so, dass die welt (na ja, die deutschsprachige) ein großartige moderatorin verloren und ein uninteressante schriftstellerin gewonnen hat.

    "schon vorher prominent" stimmt so nicht. die paar viva-2-zuschauer hätten bei weitem nicht gereicht um die erste 15.000er-auflage zu verkaufen. es gab zwar auch eine pro-7-interviewreihe, aber die wurde ja wohl ziemlich schnell wegen erfolglosigkeit eingestellt.

  • User: der kackofant
  • der kackofant 15.09.2011 | 21:17:17
    kannibalist
    da hast du mich nicht ganz richtig verstanden: ich sagte nicht, dass die verkaufszahlen allein der prominenz geschuldet waren, sondern vielmehr, dass das manuskript mit grosser wahrscheinlichkeit bei jedem buchverlag im papierkorb gelandet wäre, eine veröffentlichung im vollsuff nicht in erwägung gebracht worden wäre, ohne die vorausgegangene prominenz von frau roche, die neben viva (I + II) und diverser anderer aktivitäten durchaus eine vielbesprochene frau war, auch ausserhalb der viva-zielgruppen. oder um es ganz eklig auszudrücken: "die marke" war bereits etabliert. es ist leicht nachvollziehbar, dass dumont seinerzeit eine leichte vermarktbarkeit schnell abschätzen konnte, unabhängig von der qualität des werkes.

    Editiert von der kackofant am 15.09.2011 21:18:11

  • User: Reverend
  • Reverend 15.09.2011 | 23:40:14
    war immer aufrichtig
    Verena Auffermann hat das Buch im Deutschlandfunk ziemlich positiv besprochen. Sie hat sich zumindest damit auseinandergesetzt, anders als der saturierte Walser-Fan D. Scheck, der natürlich mit Charlotte Roche sowieso nichts anfangen kann.

    Aber ich hätte das auch nie gekauft bzw hätte es bestimmt nicht zu Ende gelesen, wenn ich sie nicht trotz allem so mögen würde. Der Schreibstil ist tatsächlich völlig unliterarisch, eher so, als hätte sie laut gedacht und das dann auch spontan aufgeschrieben. Das sorgt für ausreichend blöde Sätze. Dass das dem (männlichen) Feuilleton nicht gefallen kann, liegt auf der Hand und ist für mich auch völlig OK.

  • Horst Ueberdruss 16.09.2011 | 00:03:33
    Pipi fucks

    Dass das dem (männlichen) Feuilleton nicht gefallen kann, liegt auf der Hand und ist für mich auch völlig OK.


    Irgendwie erscheint mir dieser Satz sowohl männer- als auch frauenfeindlich zugleich.
    Respektable Schreibe, User Revi.
    Um Längen tiefer als die Roche allemal.

  • Horst Ueberdruss 16.09.2011 | 00:27:51
    Pipi fucks
    Warum sollte derlei Trivial-Belletristik dem "männlichen" oder vielleicht auch nur männlich dominierten Feuilleton per se nicht zusagen, warum?
    Und gibt es darüber hinaus dann tatsächlich auch so etwas wie das "weibliche" Feuilleton, das diesen erbärmlichen Schund per se eher goutiert/versteht/wünscht/wohlwollend bespricht als Männer, und zwar hauptsächlich deswegen, weil es sich um Frauen handelt?
    Ich finde diese Perspektive, so sie denn deine ist, ziemlich banal.

  • User: Reverend
  • Reverend 16.09.2011 | 08:35:33
    war immer aufrichtig
    Ich wollte nur meinen (vermutlich falschen) Eindruck wiedergeben, dass Feuilletonistinnen wie V. Auffermann sich diesen Roman anders angesehen (und daher auch anders besprochen) haben als Feuilletonisten wie D. Scheck oder H. Ueberdruss.

    Und dass man C. Roche halt schon irgendwie als Personen kennen und mögen muss, um sich mit "derlei Trivial-Belletristik", diesem "erbärmlichen Schund" gar überhaupt irgendwie (auch positiv) auseinandersetzen zu wollen.

  • User: der kackofant
  • der kackofant 16.09.2011 | 08:52:34
    kannibalist
    ...man kann es auch verkürzen auf: sich damit positiv auseinandersetzen wollen.

    man kann an der stelle denis scheck vorhalten was man möchte, aber im zusammenhang mit den roche-büchern hat er doch einfach recht. ich hab seinen verriss in der kulturzeit gesehen, und was der da allein an technischen unzulänglichkeiten aufgezählt hatte, war vernichtend genug. dabei glaube ich nichtmal, dass er frau roche damit was böses wollte. ich mag charlotte roche auch, aber ich werde mich hüten, alles zu verteidigen, was von ihr kommt, nur weil es von ihr kommt.

    Editiert von der kackofant am 16.09.2011 09:06:05

  • User: Brundlefly
  • Brundlefly 16.09.2011 | 15:59:56
    Mäuse sind Glitch
    Habt Ihr das Buch alle schon gelesen? Fand das Theater um Feuchtgebiete damals reichlich grotesk. Im Prinzip haben alle Rezensenten das Buch nur auf die gleichen drei Passagen reduziert, in denen möglichst viel körperliche Intimitäten vorkamen. Dass diese letztendlich nur einen geringen Teil des Buches ausmachten - who cares?

    Kann mich auch nicht erinnern, dass Feuchtgebiete damals sooo viel Lob bekam. Der Tenor ging doch eher in Richtung "Schweinskram", weil nunmal im deutschen Feuilleton jeder Literat, der nur ansatzweise über Sex schreibt, als Skandal-Autor gilt (selbst dem konservativen Houellebecq kam dieses Urteil zu). Wer so denkt, hat wohl nie Henry Miller, Anais Nin, usw. gelesen.

    Problematischer fand ich ja eher Roches Interview in der Zeit vor ein paar Wochen.

    Hiergibt es eine interessante Besprechung von Nadia Shehadeh, die den Kern des Problems wohl am ehesten trifft.

  • blueberry girl 16.09.2011 | 16:46:16
    °~*
    @brundelfly: hast du einen link zu dem interview in der zeit? was war daran problematisch?

  • Horst Ueberdruss 16.09.2011 | 17:25:10
    Pipi fucks
    Meine bisher grösste Erkenntnis aus dieser ganzen Chose ist jedenfalls, dass
    Herr Scheck wohl einen ziemlich guten Felix Magath-Stimmenimitator abgeben könnte.

  • User: Benny Longears
  • Benny Longears 16.09.2011 | 23:58:58
    Son of Darwin
    Meine bisher grösste Erkenntnis aus dieser ganzen Chose ist jedenfalls, dass
    Herr Scheck wohl einen ziemlich guten Felix Magath-Stimmenimitator abgeben könnte.


    Ein Satz, bei dem es durchaus an mir liegt, dass ich ihn echt total voll geil finde...

  • User: der kackofant
  • der kackofant 17.09.2011 | 10:08:47
    kannibalist
    @brundlefly

    die kritiken von "feuchtgebiete" sind mir nicht so gegenwärtig. der "schweinkram" war mir dabei nicht so ausschlaggebend wie die wirklich miese schreibe. das neue buch habe ich nicht gelesen und werde es mir auch sicherlich sparen. gerade bei der kritick von scheck kann ich nicht erkennen, dass er sich an oberflächlichkeiten abarbeiten und dabei das wesentliche vergessen würde. insofern bin ich auch ohne lektüre des buches geneigt, ihm zuzustimmen.

    was sie jetzt so schlimmes in der zeit gesagt haben soll, würde mich mal auch interessieren... die andeutung allein finde ich etwas unbefriedigend.

  • User: kafkaktus
  • kafkaktus 17.09.2011 | 10:43:54

    wahrscheinlich ging's um jenes interview mit der hensel im zeitmagazin. hab's damals gelesen, kann mich aber an nichts erinnern, was sich gelohnt hätte zu behalten

  • User: Dschungelgelöt
  • Dschungelgelöt 17.09.2011 | 10:48:58

    Doch: Hensel findet Roches Arsch "geil".

  • User: der kackofant
  • der kackofant 17.09.2011 | 11:28:12
    kannibalist
    wenn man das interview so liest, mag man fast befürchten, dass irgendwann wie helga goetze endet. ein bisschen bedauerlich finde icht, dass frau roche den widerspruch nicht bemerkt, wenn sie sagt, dass sie sich bloss mit gesundem sex auseinandersetzen möchte, im gegensatz zu auf gewalt basierender sexualität, aber gleichzeitig den puffbesuch als völlig legitime, sogar partnerschaftsförderliche ausübung der sexualität anpreist. jetzt stehen sich ja beim thema prostitution zwei fronten gegenüber, von denen die einen sagen, dass die gleichsetzung von prostitution mit zwangsprostitution ein ungerechtes klischee sei und die anderen, die grundsätzlich vom ausnutzen einer zwangslage ausgehen. sicherlich wird es nur wenige geben, die ernsthaft davon ausgehen, man könnte dieses problem/ phänomen aus der welt schaffen, allerdings finde ich, dass es daran zumindest nichts zu glorifizieren gibt.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.