Wir Menschen müssen aufpassen!
04.05.2010, 14:57, Text:
Wolfgang Frömberg
Aller guten Dinge sind meistens mehr, als man vertragen kann. Aber die Welt, so unvollendet, wie sie ist, hat sich den dritten Roman von Linus Volkmann redlich verdient. Der in unseren Kreisen nicht ganz unbekannte Autor schreibt sein bislang komischstes und wahrhaftigstes Buch. Findet Wolfgang Frömberg (Name von der Redaktion nicht geändert).
Auch wenn ich mit Linus Volkmann kaum je einer Meinung bin, so schätze ich ihn doch als Mensch und Kollegen. Was – ein Mensch soll das sein? Und dann auch noch ein Kollege? Da kann der Rezensent wohl kaum objektiv urteilen! Also, objektiv bin ich natürlich nie.
Und gegen ein Produkt des Geistes, in dem der Autor seine Licht- und Schattenseiten einem so antiheldenhaft durchs Bizarre taumelnden Ich-Erzähler wie Wilhelm Bitter aufbürdet – voll von Zitaten, die man gleich klauen möchte –, ist eh nix einzuwenden. Dabei lag
Linus Volkmanns Hommage an authentischen Widerstand gegen die Falschheit des Authentischen – „Wie sehr muss man sich eigentlich noch verstellen, um ENDLICH NATÜRLICH rüberzukommen?“ – nicht bloß auf meinem Nachttisch, wie es gerne beschämt heißt, wenn man sich zum Konsum gezwungen fühlt. Nein, sie hat mich in einer Nacht- und Nebelaktion umarmt und schlicht bezwungen. Endlich verstehe ich die Bemerkungen im Büro zwischen Tür und Angel über Europa-Kassetten, Trash-Fernsehen, Stalker, Celebrity-Kultur, Nagetiere, Sexismus und Vegetarismus. Sie finden sich flüssig wie Quecksilber und konzis wie Hüttenkäse zu einer Erzählung aus den Eingeweiden des 21. Jahrhunderts und den in ihnen gärenden paranoischen Ideen vom Wichtig- bzw. Unwichtigsein Einzelner. Und so schön erzählt, wird alles sonnenklar! Alle anderen, die Bitters Leben an der Seite eines nie ein Wort Finnisch sprechenden Finnen, seine Zuneigung zu einer wesentlich älteren Frau und den Ärger mit der hartnäckigen Pappel bis zum Ende verfolgen, können die Fangemeinde nur vergrößern. Sätze, die sich bei der Hand nehmen wie schrecklich freche Kinder – und sicher auch mit fortschreitender Reife weiter gut formen lassen werden, wenn der Autor sie live vorträgt oder, noch besser: sie in einer Hörspielversion des Romans reformuliert. Denn um die Faszination fürs Hörspiel geht es hier ganz ohne Ironie. Natürlich auch um den richtigen Abstand in der Liebe wie im „Leben“. Misanthrop Bitter findet den eigentlich nie – und so ist seine Geschichte der Versuch einer Distanzierung und Annäherung zugleich. Nicht nur an den besten Stellen ein Kampf, den der fuchsschlaue Autor voller Hass mit spitzer Feder ficht, deren flauschige Seite gleichzeitig zum Kitzeln des Zwerchfells dient. En garde!
Linus Volkmann "Wie sehr muss man sich eigentlich noch verstellen, um ENDLICH NATÜRLICH rüberzukommen?"
(Ventil Verlag, 176 S., EUR 12,90)
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