Pop-Tagebücher
Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee
18.02.2010, 12:32, Text:
Wolfgang Frömberg
Was die Balance zwischen Gelassenheit und Überspanntheit, Galgenhumor und tödlichem Ernst angeht, hat Pfeil den Bogen raus. Er trifft sein Sujet daher sehr gut. Ja, besser als viele andere.
Eric Pfeils "Pop-Tagebücher“ fußen auf einem unspektakulären Ereignis. Der erste Eintrag handelt vom 38. Geburtstag. Jener unscheinbare Termin, den sich andere nur in ihrem Kalender rot ankreuzen würden, wenn ihnen an diesem Tag entweder eine Lottomillion oder die Liebe ihres Lebens in den Schoß fiele, ist der Ausgangspunkt für seine Kolumnen, die er bis heute für faz.net verfasst (und die in einer bearbeiteten Auswahl als Buch mit dem Titel "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“ vorliegen). Der Erzähler auf der ersten Seite über sich: „Ich fühle mich unfassbar gebrechlich. Ich mache inzwischen dieselben ächzenden Geräusche, die mein Vater von sich gab, wenn er mühsam aus dem Auto aussteigen musste. Bloß mache ich diese Geräusche schon, wenn ich einfach nur rumsitze und die Wand angucke.“ Die Jugend soll sich nichts auf ihre Kaputtheit einbilden, eine gewisse Reife – als „Experte“ – ist ohne sie auch nicht zu haben, heißt das wohl. Und wie Experte Pfeil über die Liebe seines Lebens, die Musik, schreibt, immer vor Augen, damit weder Millionen zu erreichen noch zu verdienen, ist eine reife Leistung.
Pfeils Erzähler ist ein Pendler zwischen Musikzimmer, Konzertsaal, Bar und Text. Als Kunstfigur ist er gebrochen genug, um nah am Leben zu bleiben. Für einen Autor wie Pfeil, den man als Musikjournalist der alten und doch ganz eigenen Schule bezeichnen könnte, scheint die Bloggerei erfunden worden zu sein. So muss er sich keinem Musikmagazin herschenken und darf mal kurz in einer wundervollen Geschichte über alte Spex-Hefte die Entwicklung der Musikkritik und die eigene Rolle in diesem Spiel nachzeichnen – um dann in einem gefühlt hundert Mal so langen Text bis zum Anschlag über Bob Dylan zu referieren. Was die Balance zwischen Gelassenheit und Überspanntheit, Galgenhumor und tödlichem Ernst angeht, hat Pfeil den Bogen raus. Er trifft sein Sujet daher sehr gut. Ja, besser als viele andere.
Eric Pfeil „Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee. Die Pop-Tagebücher“ (Kiepenheuer & Witsch, 384 S., EUR 14,95)
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