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Der Junge von nebenan

Wilhelm Meisters schwule Jahre

18.02.2010, 12:22, Text: linus volkmann


Kennen Sie
Martin Büsser? Sollten Sie aber! Kaum einer schreibt präziser über (und auch gegen) Pop und dessen Phänomene. Jetzt hat er auch noch den queeren Bildungsroman gemalt: "Der Junge von nebenan“.

Sicher fällt es vielen schwer, einen Journalisten als Künstler oder gar Star zu begreifen. Da kann er sich noch so grotesk kleiden (Kai Ebel) oder sich mit seiner fetten Puffbesucherfresse mit ins Bild pressen (Rolf Töpperwien). Martin Büsser passt natürlich nicht in diese Chronologie des Schreckens und macht es einem zudem besonders schwer: Ohne Allüren, schlau und bescheiden schreibt er abseits der urbanen Journo-Bühnen in Mainz hellsichtige Sachbücher im classic Kulturkritik-Modus. Und führt zudem mit seinen Leuten den durchhaltefreudigen Ventil Verlag.



Mir persönlich fiel es allerdings schon immer leicht, Martin Büsser, diesen Prototypen des No-Stars, als Star zu betrachten. Mit seinem ersten Reader Anfang der 90er („Von Punk zu Hardcore und zurück“) brachte er die Information auch in unser Dorf. Er entlarvte, überzeugte – und sah seriös geil aus mit der fetten Nerd-Brille.
Nach all den Jahren Kulturkritik mit der "Testcard“-Reihe und Monatsschreibe (u. a. auch in diesem Magazin) folgt nun "Der Junge von nebenan“. Eine Graphic Novel. „Ich würde es schlicht Bildgeschichte nennen“, sagt Martin selbst. Mit leichtem Strich jedenfalls schildert der Ich-Erzähler eine (schwule) Dorfjugend plus Eltern bei der RAF. Eine wahrhaft wilde Story entspinnt sich, die sich so gar nicht mit langwierigen Betrachtungs-Elegien und anderen Genrekonventionen aufhält, sondern einem immer neue abenteuerliche Wendungen in den Blick zimmert. Dieses drastische Erzähltempo wird aber schnell zum Trigger der Story: Queer, Terror, Provinz, Blut und Bullen. Büsser paraphrasiert (bzw. verhöhnt) den bürgerlichen Bildungsroman mit extrem viel Charme. Wobei ihm das zeichnerische Spielfeld sehr vertraut ist: „Ich zeichne eigentlich schon viel länger, als ich schreibe. Für Außenstehende mag das Buch ein ziemlicher Bruch zu meinen bisherigen Arbeiten sein, für mich selbst ist es die normalste Sache der Welt.“ Seit den Jugendjahren. Wer hätte das gedacht? Na, dann könnte das doch eigentlich auch noch weitergehen? „Der Verbrecher Verlag bittet schon um einen Nachfolger, aber ich breche nichts übers Knie. Wenn es weitergeht, dann mit einer komplett anderen Story, keine Fortsetzung. Wir sind hier ja nicht bei Asterix.“

Martin BüsserDer Junge von nebenan(Verbrecher Verlag, 120 S., EUR 14)
Ebenfalls erschienen: „Testcard #19 – Blühende Nischen“ sowie die Sachbuch-Anthologie „Emo“ (beide Ventil Verlag)

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aus Intro #180 (März 2010)
 
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