Nick Hornby
You're Fucked!
23.11.2009, 11:22, Text:
Daniel Koch,
sebastian siegmund, Foto: Stephen Hyde
Auch das noch! Zum Dekadenende ein Gespräch mit Nick Hornby über das Ende des Musikjournalismus, das für ihn erfreuliche Ende des Plattenkaufens, das Ende des physischen Tonträgers, das Ende der Pop-Literatur, das noch einmal abgewendete Ende des Buches. Will man das wirklich von ihm hören? Daniel Koch und Sebastian Siegmund suchten im Interview mit ihm eine Antwort auf diese Frage. Und meinten am Ende: Klar!
Nick Hornby, der seinen Guru-Status unter Plattensammlern und Musiknerds seit "High Fidelity" nicht mehr loswird, hat mit "Juliet, Naked" endlich wieder einen Roman mit ganz viel Musik geschrieben. Da wird's schwer, das Herzensthema, über das er gar nicht mehr so gerne spricht, auszuklammern.
Ein Schlüsselsatz in Ihrem Buch ist "... und dann kam das Internet und änderte alles". Der taucht sogar mehrfach auf, und immer im Zusammenhang mit Fantum und Musik. Was hat es für Sie persönlich geändert?
Alles natürlich. Genau so, wie es da steht. Aber nicht nur das Internet, sondern vor allem die Digitalisierung der Musik. Es ist doch faszinierend, dass all die Alben, die jemals aufgenommen wurden, in diesem kleinen Kasten auf meinem Schreibtisch existieren. Ich habe nie einen Wert darin gesehen, sich in zig Plattenläden die Hacken abzulaufen, um mir ein Album ins Regal stellen zu können. Ich will nur die Musik. Aber ich bin auch in einem guten Alter, das zu sagen, denn ich habe meine gesellschaftliche Pflicht in Sachen Plattenkaufen getan.
Fehlt Ihnen denn nicht das Gespräch mit dem Plattendealer Ihres Vertrauens? So als Qualitätskontrolle oder Tipp-Lieferant?
Nein. Ich habe nun eben MP3-Blogs meines Vertrauens - bzw. sieben oder acht davon. Mein liebster heißt "I Am Fuel, You Are Friends". Musikmagazine lese ich auch nicht mehr.
Meinen Sie also, wir sollten uns einen neuen Job suchen?
Ja. You're fucked! Sorry, dass ich das hier sagen muss. In zehn oder fünfzehn Jahren wird sich all das - in Bands sein, über Musik schreiben, Konzerte veranstalten - sowieso so radikal geändert haben, dass es sich wahrscheinlich so anfühlt wie Zivildienst-Leisten. Etwas, das man nach dem College zum Wohle der Gesellschaft zwei Jahre macht, um sich dann einen richtigen Job zu suchen.
Interessante Vorstellung. Und die Musikindustrie? Die war ja schon bei der letzten Entwicklung fünf Jahre zu spät.
Sehe ich genauso. Sie wird sich verändern müssen. Ich kann mir nur schwer vorstellen in was. Aber man kann ja nicht drauf hoffen, dass die Leute für etwas bezahlen, das man auch umsonst bekommen kann.
Befürchten Sie bei der Literatur eine ähnliche Entwicklung?
Nein. Das kann man nicht vergleichen. Bei der Musik war es doch so: Ich kenne keinen, der das Format CD liebt, Vinyl ja, CDs nicht. Keiner. Deswegen war es klar, dass sich alle auf MP3s stürzen, um die CD endlich los zu sein. Ich kenne aber keinen Leser, der das Format Buch nicht mag oder gar liebt.
Trotzdem ist der neue Dan Brown ja vor Veröffentlichung ins Netz "geleakt", und Amazon preist eBooks als das neue große Ding an ... Keine Gefahr?
Nein. eBooks nicht. Aber vor den iPods müssen wir uns in Acht nehmen. Früher wurde viel gelesen, weil man einfach im Flieger, im Zug, am Strand nichts anderes tun konnte. Dank des iPods stellt sich die Frage, warum man ein Buch zum Sonnenbaden mitnehmen soll, wenn man doch genauso gut eine ganze "Sopranos"-Staffel gucken könnte.
Eine letzte Frage, passend zum Ende dieser Dekade, die ja nicht zuletzt dank Ihnen von der Pop-Literatur geprägt wurde: Was halten Sie von dem Begriff?
Nichts. Es ist doch klar, dass man als Autor heute auch von Filmen, Serien und Led-Zeppelin-Platten beeinflusst ist. Man sollte vielmehr einen Begriff für die Wichtigtuer und "ernsthaften Autoren" finden, die einem heute allen Ernstes verkaufen wollen, sie seien ausschließlich von der Literatur inspiriert. Ich hätte da auch schon einen Vorschlag: "Bullshit-Literatur".
Nick Hornby "Juliet, Naked" (Kiepenheuer & Witsch, 304 S., EUR 19,95)
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