Echt!
Pop Protokolle aus dem Ruhrgebiet
16.03.2009, 15:09, Text:
linus volkmann
Hat man noch nie im Ruhrgebiet gewohnt, ist es wirklich rechtschaffen schwer, diese Region irgendwie emotional aufzuladen.
Zu amorph die Ränder, zu viel an Städten, zu schlecht die Luft, zu egal die Leistung für die heimische Popkultur. Diesem schlechten - oder noch schlimmer: egalen - Image wollen Werthschulte, Steinbrink, Springer mit ihrer höchst lebendigen Materialiensammlung "Echt!" entgegenwirken. Lebendig ist dabei kein scheiß Platzhalter, sondern genau so gemeint. "Echt!" vermittelt das gute Gefühl, dass erstens Popkultur noch was zu geben, noch was nachzuerzählen hat, und zweitens, dass es immer noch schocken kann, nerdmäßig in einzelne Subszenen einzutauchen. Diese angenehme Beflissenheit produziert hier echte Popliteratur, wenn zum Beispiel Marc Degens über seine gesammelten West-Heimatorte und Visions' Dirk Siepe über seine Jugend schreibt, Collagen aufleuchten wie die über Beuys und die Gelsenkirchener Fußgängerzone oder wenn eher journalistischere Formate wie das Interview von Christian Steinbrink mit Christoph Biermann anfallen. Ganz reizend auch das biografische Essay von Klaus Fiehe über den schillernden Big-Player des ohnehin schon starken Ruhrgebiet-Metal-Movements Bogdan "Boggi" Kopec. Letztlich erinnert die Sammlung an die ersten Ausgaben der Testcard. Als sich dort der Charme dadurch ergab, dass sich Textsorten und Schreibbock zu einer kleinteiligen Plakatwand aus Diskurs zusammenfanden. Die klassische Rock- und Ruhrgebietsverheißung des Echten und der Kunstansatz, der alle vermeintliche Echtheit hinwegfegt, bringen dabei die Spannung auf, der es dann auch geschuldet ist, dass man sich das komplette Buch gern durchliest. Selbst wenn man von sonst wo kommt.
Johannes Werthschulte, Christian Steinbrink, Johannes Springer "Echt! - Pop Protokolle aus dem Ruhrgebiet" (Salon Alter Hammer, 304 S., EUR 14,90)
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