Alban Lefranc - Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico Artikelbild (groß)

Alban Lefranc

Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico

01.12.2008, 18:41, Text: Dana Bönisch

Alban Lefranc ist Herausgeber der deutsch-französischen Literaturzeitschrift "La mer gelée" und veröffentlicht drei Romane gleichzeitig. Drei großen Missverstandenen der Geschichte leiht er seine Stimme. Dana Bönisch hat die "Angriffe" des jungen Autors gelesen.

Alban Lefrancs "Angriffe" bestehen aus drei Kurzromanen, die in Frankreich nacheinander erschienen sind. Die Wirren der 60er und 70er Jahre - Vietnam, RAF usw. - spiegeln sich in den Geschichten dreier Nebenhauptfiguren, die, so will es Lefranc verstanden wissen, gleichzeitig eine Trias der modernen Künste repräsentieren: Der (missverstandene und radikale) Regisseur Rainer Werner Fassbinder, die (missverstandene und radikale) Sängerin und Muse Nico, der (missverstandene und nicht so radikale) Möchtegernschriftsteller Bernward Vesper, Verlobter von Gudrun Ensslin, bevor sie mit Baader durchbrannte.


Unter dem beliebten Legitimationsmäntelchen postmodernen Samplens und Zitierens klaut Lefranc dabei seitenweise die Worte und Bilder anderer. Die großartigen Szenen aus "Deutschland im Herbst", in denen der nackte, kaputte Fassbinder in der Nacht nach der Nacht (Stammheim, Mogadischu) durch seine Wohnung wütet, erzählt er kurzerhand nach. Wie die Erzählerstimme durchweg zwischen trockenem, akademischem Doku-Duktus und blumigen Satzschlangen oszilliert und niemals richtig greifbar wird - natürlich alles Programm; wie Lefranc die Stammheimer Zellenkassiber zitiert und deren Ton gleich darauf wie ein Mimese betreibendes Tierlein übernimmt, mag clever daherkommen, nervt aber auf die Dauer. Der biblische Ton der Prologe, die jeden Kurzroman eröffnen, ist gar unerträglich: "Es heißt, dass Gudrun Ensslin, Tochter eines evangelischen Pfarrers, lange Zeit Bernward Vesper, den Sohn eines Nazidichters, in die Untiefen des Verlagswesens begleitete; dass sie von ihm einen Sohn empfing …" Zu allem Überfluss erinnert das stark an Leander Scholz' Sprache in "Rosenfest" (2001), einem weichgezeichneten Bonnie-&-Clyde-Märchen, das die alte Ensslin-/Baader-Lovestory bis zum Kaufhausbrand erzählt. Auch jenen illustriert Lefranc mit nahezu denselben Bildern.
Dabei scheint der Autor eine Wahnsinnsangst vor dem eigenen Pathos zu haben: Wenn er einmal "Liebe" schreiben möchte, muss vorher siebenmal "Arschficken" stehen.

Halbimaginäre Biographien haben Tradition in der französischen Literatur. In "Angriffe" werden die Figuren aber so sehr durch Autor und Erzähler kolonisiert, dass ihnen überhaupt keine eigene Stimme mehr bleibt. "Es ist zu vermuten, dass Sie die Liebe gespielt haben", bellt die Erzählerstimme im Gegenteil die vom Heroin bereits halb verschlungene Nico an, die sagt, Alain Delon sei der Mensch ihres Lebens gewesen. So werden die Toten, die Lefranc so gern à la Heiner Müller wiederbeleben wollte, tatsächlich zu starren Objekten hinter Plexiglas.

Alban Lefranc "Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico" (Blumenbar, 325 S., EUR 19,90)

Kunsttipp: Die Ausstellung "Nico - Köln, Berlin, Paris, New York - Stationen einer Popikone" im Museum für Angewandte Kunst, Köln läuft bis zum 01. Februar




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aus Intro #167 (Dezember 2008 / Januar 2009)
 
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