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Thomas Meinecke

Vater, Jazz und heiliger Geist!

01.12.2008, 18:25, Text: Maurice Summen, Foto: Michaela Melián

Nach "Musik" liefert Thomas Meinecke mit "Jungfrau" erneut einen Roman ab, der auch Leuten gefallen wird, die sich statt für Literatur eben stärker für Sound interessieren. Unser Autor Maurice Summen mag beides und glaubt an Meineckes akribischen Arbeiten.

Jungfrauengeburt, in der modernen Genetik Parthenogenese genannt, bezeichnet die eingeschlechtliche Fortpflanzung aus einem weiblichen Exemplar einer Gattung. Die Wissenschaft hält sie beim Menschen für unmöglich. Die katholische Kirche aber hat ein Glaubensbekenntnis daraus gemacht: "Empfangen durch den heiligen Geist". Stundenlang haben wir als Jugendliche darüber diskutiert: Wie soll so etwas möglich sein? War Jesus Mensch oder Gott? Oder halber Mensch? Dann noch das komplexe Konstrukt der heiligen Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und der heilige Geist. Es ist und bleibt kompliziert. Vor allem bleibt es eine Glaubensfrage.


Thomas Meinecke beschäftigt sich in "Jungfrau" so ausführlich mit der katholischen Theologie, wie man das selbst seit dem Firmunterricht nicht mehr getan hat: die Jungfrauengeburt, unbefleckte Empfängnis, das Zölibat, der heilige Geist. Meineckes Interesse gilt jedoch auch der Erotik der Unnahbarkeit und der Idee der Enthaltung: sich allen irdischen Gelüsten zu entsagen und nur von Gott erfüllt zu sein. Er konstruiert aus theologischen Textfragmenten eine amüsante Geschichte: Ein männlicher Theologiestudent mit dem bescheuerten Namen Lothar Lothar verliebt sich in eine Pianistin, die ihrerseits vor allem von Jazz erfüllt ist. Sie erzählt ihm von Jazzlegenden, er ihr von Heiligen. Voyeuristisch wie der Mensch nun mal veranlagt ist fragt man sich natürlich als irdischer Leser nur eins: Wann landen die beiden denn nun endlich im Bett und lassen dieses nerdige Fachgesimpel? En passant informiert uns der leidenschaftliche Plattensammler Thomas Meinecke über Jazz- oder NoWave-Schätze aus dem Antiquariat. Zuweilen erfrischen diese Passagen den Leser der "Jungfrau" ungemein, vor allem wenn man, wie Meinecke selbst mal gesagt hat, Musik ja eigentlich viel interessanter findet als Literatur. Auf einmal landet man also bei Schwulen oder Queerikonen und ehe man sich versieht, wird man schon wieder in katholische Glaubensfragen verwickelt. Thomas Meinecke arbeitet in der Literatur genauso akribisch wie er es in der Musik mit seiner Band FSK tut: als hervorragend beobachtender Autodidakt mit einer Engelsgeduld.

Thomas Meinecke
Jungfrau (Suhrkamp, 346 S., EUR 19,80)




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aus Intro #167 (Dezember 2008 / Januar 2009)
 
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