Dietmar Dath - Die Abschaffung der Arten Artikelbild (groß)

Dietmar Dath

Die Abschaffung der Arten

29.10.2008, 14:30, Text: Jasper Nicolaisen
[20 Kommentare]

Ein halbes Jahrtausend in der Zukunft haben sich die Menschen durch Gen- und Nanotechnologie zu Tiergestalten verändert, die auf die frühere Epoche der "Langeweile" nur noch mit Verachtung zurückblicken.

Sie leben in drei Stadtstaaten unter der Führung des dubiosen Löwen Cyrus Golden und seiner Familienclique, bis ihnen eine Gegenzivilisation aus Maschinen mit einer Super-AI an der Spitze annähernd den Garaus macht. Einem Teil der "Gente", also der Tiermenschen, gelingt die Flucht ins All, wo sie auf zwei Planeten wiederum je sehr unterschiedliche Gesellschaften aufbauen, in denen dann zwei komplementäre Messias-Gestalten heranwachsen, die den Rückweg auf die verlassene Erde wagen.


Dabei geht es irgendwie um alles und wie es miteinander zusammenhängt, im engeren Sinne wohl um die titelgebende Frage, wie die Freiheit Einzelner die Freiheit von der Eingrenzung in begriffliche und materielle Gruppen sei. Die Balance zwischen Belehren und Unterhalten, die in Daths letzten Romanen "Dirac" und "Waffenwetter" schon bedenklich wackelte, kippt ins Verschwurbelte und Schlaubergerhafte, vielleicht, weil der heilsame Rückbezug zur zeitgenössischen Alltagsscheiße fehlt, die etwa in "Waffenwetter" und "Dirac" die produktive Spannung zum fantastisch Überhöhten hervorgebracht hat: Halluzinierte Reisen mit genmanipulierten Superfrauen durch die Wildnis der Gedankenstrahlen wirken dort eben auch erst, wenn sie von verzweifelten Schülerinnen unternommen werden, die mit Sterben und Liebe zu hadern haben. Hier dagegen bläht sich ein Konglomerat aus immer noch großartigen, wilden Einfällen, die aber leider immer ganz heftig was bedeuten wollen.


Dietmar Dath
Die Abschaffung der Arten
Suhrkamp, 600 S., EUR 24,80



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aus Intro #166 (November 2008)
 
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  • User: Titus Grimm
  • Titus Grimm 06.11.2008 | 10:08:41

    klingt nach nem nicht so spannenden Fantasy-Roman. Gabs über Dietmar Dath nicht mal einen Gag in der TITANIC , "Bizango-Gesellschaften auf Haiti? War da mal was? Übrigens sehr gut: "weil der heilsame Rückbezug zur zeitgenössischen Alltagsscheiße fehlt", haha

  • User: Titus Grimm
  • Titus Grimm 06.11.2008 | 10:13:38

    Achja stimmt, es gibt auch sone urhässliche Kinderbuchreihe, die Animorphs, oder so ähnlich, vielleicht ist das da abgekupfert..

  • User: gnathonemus
  • gnathonemus 06.11.2008 | 11:10:40
    toller specht
    die SZ hat dazu einen ziemlich vernichtenden verriss veröffentlicht und die zitierten passagen haben leider nicht den eindruck erweckt, der wäre der zu unrecht abgedruckt worden.

  • User: schons
  • schons 07.11.2008 | 10:47:58

    ich glaube ja, dass der sehr klug ist und viele kluge leute, die ich schätze verehren den. aber ich habe leider trotz aller anstrengung noch keinerlei zugang gefunden zu dd. die artikel finde ich zur hälfte extrem gut, die andere hälfte uninteressant respektive verstehe das geheime-funkstation-in-sibirien geschwurbel nicht. ab und zu schauderts mich (mittelalter, tendenziell eher nicht so schöner mann, schreibt über analverkehr). und bücher lese ich allgemein nicht; viel zu anstrengend.

  • User: art_i_ficial
  • art_i_ficial 07.11.2008 | 11:28:24
    freedom oy!
    im marburger echo (so ein käseblättchen der marburger dkp) steht übrigens folgendes: Das Büchlein "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus" hat das Zeug, zum Kommunistischen Manifest des 21. Jahrhunderts zu werden, auch wenn der Autor nicht für eine Organisation steht, sondern ausschließlich im eigenen Namen spricht.

    das fand ich sehr witzig.

  • User: Legoland
  • Legoland 07.11.2008 | 13:30:56
    Legolize it!
    deedees charaktere sind immer toll!
    sehr realistisch gezeichnet und mit einer fühlbar gemachten lebensgeschichte. die romane, die er mit ihnen bestreitet sind es auch, aber die geraten ihm regelmässig aus dem ruder. ab einem bestimmten punkt in seinen stories kippt es immer mit einer geschwindigkeit in den showdown, dass es einem den atem raubt. ich würde ihm gerne empfehlen, geduldiger mit seinen büchern zu sein. sie würden grösser wachsen.

  • weiche zäune 07.11.2008 | 13:44:36
    love love love yeah
    leider sind die einfälle in der abschaffung der arten nicht wirklich so grossartig (oder besser gesagt: oft wörtlich aus "sachbüchern" die dath schätzt, in dem falle williams, dennett, dawkins, wolfram uvm. in einen erklärkontext gebracht. die "dath"-figur erklärt der naiven zuhörerin (ja: fast immer ist es eine zuhörerin) wie die welt funktioniert. kann ja ganz nett sein, ist in diesem fall aber leider rasend langweilig und falls man die zitierten originale kennt fast schon ärgerlich wie da eventuell originelle gedankengänge verlabert und aus dem zusammenhang gerissen zu belanglosem infojunk aufgeschichtet werden. sein schlechtestes buch bislang. sage ich mit einem sehr dicken: leider. allerdings dieser "Vorabdruck aus dem Buch »Sauerei Moderne«, das irgendwann irgendwo erscheint" lässt wenig hoffnung auf besserung.

  • weiche zäune 07.11.2008 | 13:48:44
    love love love yeah
    lenin hin oder her, irgendwie kann ich mich des eindrucks nicht erwehren, dass der dath immer christlicher wird, in so einem obskurantistischen eso/abspalter sinn. vom gnostiker der älteren bücher über teilhard de chardin bei waffenwetter zum neuen jerusalem im aktuellen buch.

  • weiche zäune 07.11.2008 | 16:35:00
    love love love yeah
    haha, ja der rezensent hat sehr gut erkannt, dass das wohl grösste problem in daths letzten drei, vier büchern war, dass er seine gestelten fragen immer zu schnell selber beantwortet - und das wesentlich zu oberflächlich. wenn dath so weiter macht wird er zum che guevara t-shirt.

    Editiert von weiche zäune am 07.11.2008 16:35:14

  • weiche zäune 07.11.2008 | 16:36:38
    love love love yeah
    deedees charaktere sind immer toll!
    sehr realistisch gezeichnet und mit einer fühlbar gemachten lebensgeschichte


    da musste ich jetz lachen

  • User: Legoland
  • Legoland 09.11.2008 | 14:09:44
    Legolize it!
    ich konnte es leider nicht anders formulieren. deshalb: lach ruhig. ist ja gesund.

  • User: Legoland
  • Legoland 09.11.2008 | 14:18:44
    Legolize it!
    im übrigen, werter herr zäune, wie schaffen sie es eigentlich, in dem buchthread auf diesem unseren internet- portal so viele bücher und deren erste sätze aufzulisten? haben sie vielleicht eine geniale querlesetechnik entwickelt, oder einfach nur sehr viel zeit zur freien verfügung?

  • User: art_i_ficial
  • art_i_ficial 09.11.2008 | 14:31:23
    freedom oy!
    wahrscheinlich liest er nur die erste und die letzte seite. das reicht ja uch bei den meisten büchern, den nebensächlichen kram in der mitte kann man sich dann zusammenreimen.

  • weiche zäune 09.11.2008 | 14:48:56
    love love love yeah
    das dumme ist ja, dass ich eigentlich immer das komplette buch durchlese, als wie schlecht es sich auch immer herausstellen mag.
    beim dath war das schon ein ziemlicher krampf. wie im sz artikel festgestellt: der wohlmeinenende leser mag zwar nach dem zeitlichen einschnitt bei ungefähr der hälfte des buches glauben, dass es anders oder gar besser wird, aber weit gefehlt.

    das mit der freien zeit ist natürlich auch ein wenig richtig, aber: prioritäten, baby. fernseher.

  • User: JasperNicolaisen
  • JasperNicolaisen 10.11.2008 | 13:44:10
    Das junge Soul-Wunder
    Mir ist diese Rezension etwas schwer gefallen, weil ich gern mehr Platz gehabt hätte, um das Buch nicht gar so knapp abzukanzeln. Obwohl ich es letztendlich für misslungen halte, kann man bedeutend schlechteres lesen, und wie fast immer bei Dath fallen natürlich jede Menge schöne Einfälle, packende Passagen und interessante Gedanken ab. Dass ein Buch schwer zugänglich ist, kann man ihm ja noch nicht per se zum Vorwurf machen. Mein Hauptkritikpunkt bleibt aber, dass sich das alles hier zu selten zum klaren Gedanken fügen will und allzu oft etwas sehr schlau klingt, aber bei genauerem Lesen dann doch nicht viel hergibt. Dass ein Buch keinen zusammenhängenden Sinnentwurf präsentiert, kann mann ihm auch nicht unbedingt vorwerfen, aber hier ist der ganze dicke Buchziegel mit dem Gestus des Bedeutungsvollen aufgeladen und eine enyklopädische Bandbreite von Themen und Theorieschnipseln wird für eine Ganz Große Geschichte Von Der Zukunft Von Allem Und Jedem inkl. Shakti-Om bemüht, sodass man schon erwartet, irgendeine vereinende Idee oder ein Programm zu entdecken...aber wird nix. Bleibt natürlich immer der Vorwurf, dass der Rezensent halt zu doof war, das zu kapieren. Kann wohl sein. Ich habe aber mit viel Wohlwollen und gründlich gelesen und konnte jedenfalls bei den bisherigen Büchern von Dath theoretisch ganz gut mithalten, wenn mir auch die ganz breite Heavy-Metal-Bildung und die Entflammung für Frauen mit C vorne fehlt. Den Themenpark Marxismus, (Natur)wissenschaft, Sciene Fiction, Buffy und Quatsch kenne ich aber glaub ich zu genüge. Trotzdem weitgehend Fehlanzeige. Andererseits ist das Buch dann über weite Strecken aber nicht unterhaltsam genug, um das wieder rauszureißen. Ich will hier nicht nachtreten, sondern nur etwas mehr begründen: Es ist halt nicht Daths bestes Buch, und damit will ich´s auch lassen. Empfehlenswert sind hingegen das hier auch erwähnte "Maschinenwinter", wo man über den Leninismus streiten kann, aber ansonsten kluge Gedanken serviert bekommt, "Waffenwetter" und "Dirac". Ich habe das diffuse Gefühl, dass "Das versteckte Sternbild" von Daths alter ego David Dalek ein paar ähnliche Felder beackert wie die Abschaffung der Arten, da fand ich´s aber schöner und mitreißender.

    Ganz, ganz dumm ist hingegen dieser SZ-Artikel. Die Herablassung gegenüber "der Fanatasy" des Rezensenten zeugt ja wohl von vollkommener Unbelecktheit von diesem Genre. Ganz davon ab, dass selbst bei aller Umstrittenheit der Genrebegriffe die "Abschaffung der Arten" doch recht deutlich der SF zuzuschlagen wäre, aber der SZ-Fuzzi hat wohl nur "Tierparabel" (falsch) gedacht, und dann ist ihm Watership Down eingefallen oder diese Hasen mit den behaarten Füßen, diese Hibbits oder wie die heißen. Manmanman.

  • weiche zäune 10.11.2008 | 14:20:21
    love love love yeah
    aber hier ist der ganze dicke Buchziegel mit dem Gestus des Bedeutungsvollen aufgeladen und eine enyklopädische Bandbreite von Themen und Theorieschnipseln wird für eine Ganz Große Geschichte Von Der Zukunft Von Allem Und Jedem inkl. Shakti-Om bemüht, sodass man schon erwartet, irgendeine vereinende Idee oder ein Programm zu entdecken...aber wird nix.

    das ist genau der Punkt. es ist doch gerade daths anspruch, den er im laufe der jahre, vom fazfeuilleton bis in seine bücher, sehr oft wiederholt hat, so etwas wie eine ideenliteratur sowohl selber gut zu finden als auch zu schreiben. in der abschaffun der arten werden eben keine ideen präsentiert, sondern nur wichtigtuerisches geraune. wenn da eine figur brouwer heisst kann man eventuell ahnen, dass damit der mathematiker gemeint ist, der schon in anderen büchern daths vorkam. nur steht dieser zusamenhang völlig isoliert da, nichts verweist auf irgendein konzept oder eine idee von brouwer. so ist diese nennung eben kein zusammenhang, keine kontextbildung, sondern nur wichtigtuerisches geraune. und das geht mir an dem buch tierisch auf den sack.

    tatsächlich ist maschinenwinter der ergiebigere lesestoff, zumindest in der analyse. es schadet ja nicht mal wieder auf das ganze elend der welt hingewiesen zu werden.

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