Chuck Palahniuk
Snuff
29.10.2008, 14:09, Text:
Tim Stüttgen, Foto: Katharina Poblotzki
Chuck Palahniuk wurde mit "Fight Club" berühmt und kümmert sich auch weiterhin ums Drastische, Eklige, Abartige - und um die Menschen, die sich den Bedingungen schließlich nicht entziehen können. "Snuff" ist Kammerspiel und perspektivischer Gangbang.
Dass die Figuren in Chuck Palahniuks Romanen krasse Filme fahren, ist bekannt. Er macht halt diese cool-zynischen, psychotisch-satirischen Neo-Noir-Die-Welt-ist-ziemlich-am-Arsch-Bücher. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich seine Romane als Vorlagen für gute Filme eignen. Berühmtes Beispiel ist Finchers "Fight Club", aktuellstes ist "Choke" von Clark Gregg, der den Special Award beim Sundance Filmfestival gewann. "Snuff" handelt nun gar vom Filmemachen, inklusive aller Transgressionsversprechen, für die Palahniuk geschätzt wird. Die Pornodarstellerin Cassie Wright hat ihren letzten großen Auftritt inszeniert: einen Gangbang mit 600 Männern. Wir befinden uns in den Köpfen dreier wartender Typen im Männerrudel, als vierte Perspektive kommt die von Wrights Assistentin Sheila hinzu. Im stinkigen Warteraum, der mit Klassikern der in die Jahre gekommenen Diva bespielt wird, stehen außer Sheila lauter halbnackte Männer und fressen Tacos, M&Ms und Viagra. War es nicht die Filmwissenschaftlerin Carol Clover, die darauf hingewiesen hatte, dass Gangbang-Porno wie Mannschaftssport funktioniert, in dem die Zugehörigkeit zum Männerbund nach Leistungsprinzip demonstriert wird?
Ob der Waisenjunge, der vermutet, Wright wäre seine Mama, oder der braun gebrannte Pornostar, der sie in Dutzenden Filmen gevögelt hat. Sie alle sind da - und tragen ihre eigenen Abgründe mit sich herum. Ab diesem Punkt geht Palahniuk dann etwas direkt zur Symbiose von Porno und gesellschaftlichem Abstieg, Ficken und Traurigkeit über, trotz teilweise virtuos ausgebreiteter Details von fiktiven Pornofilmtiteln und Anzeichen des Verfalls - wie Schuppen, Krankheiten, Essensreste, Pisse. Einer seiner Protagonisten drückt es so aus, mit Viagra in der einen und Zyankali in der anderen Hand: "Sex und Tod - ich kann den Unterschied nicht erkennen." Irgendwann macht man sich schon Sorgen, hier wäre wieder mal ein pseudo-existenzialistischer Macho-Nihilist am Start. Schlimmstenfalls verbirgt sich hinter so einer Fassade ein reaktionäres Arschloch (Michel Houellebecq), ein langweiliger Moralist (Larry Clark) oder gar beides in einer Person (Gaspar Noe).
Doch Palahniuk hat nicht nur die Gabe, eine Geschichte packend über vier Subjekte zu erzählen und souverän eine Art Kammerspiel im Massenporno-Surrounding zu entwerfen. Er setzt einen überraschenden Twist ans Ende - bei dem es um Leben und Tod geht.
Chuck Palahniuk
Snuff
Manhattan, 204 S., EUR 14,95
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