Krystian Woznicki
Abschalten. Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung
17.09.2008, 16:07, Text:
Tobias Ruderer
Wo andere abschalten, wird Krystian Woznicki neugierig. Die Rahmenbedingungen eines Sehnsuchtsortes sind kausale Ausgangspunkte für dessen Entstehung. Mit Google-Earth-Geschwindigkeit beschreibt der Autor globale Fallbeispiele von Paradiesen.
Die Tourismusbranche ist daran interessiert, uns einen Ort als einen Ort zu verkaufen - etwa wahlweise als unberührtes/wildes/gefährliches/isoliertes/vormodernes Paradies. Selbst, wenn wir dann da sind, ist es meist unmöglich, sich all der massenmedialen Folien bewusst zu werden, die unseren Eindruck organisieren. Das Buch des Berliner Redakteurs und Autors Krystian Woznicki ist eine reichhaltige Sammlung von Momenten, Orten und Erzählungen dieser Produktion, deren Mechanismen unter dem Primat des "Abschaltens" zwangsläufig ausgeblendet werden. Seien es die Ideale der Individualtouristen, die Spielfilme Hollywoods oder militärische Konflikte.
Oft genug sind das nicht einfach Anekdoten, Behinderungen oder Rahmenbedingungen eines Sehnsuchtortes, sondern kausale Ausgangspunkte dessen Entstehung. Das Paradies hat sein Verfallsdatum überschritten, so Woznicki, und das gilt auch für seinen notwendigen Gegenpart: Der dark tourism, der Gang in die Hölle, einfach, um wieder rauszukommen, ist gleichfalls durchzogen von Kapital, Geschichte, Mainstream-Kultur und Politik.
Dass Woznicki das Moment der Faszination und Sehnsucht nicht einfach analytisch unterschlägt, macht das Buch spannend: Die Fallbeispiele sind fünf Plätze auf dem Globus, Imlil in Marokko, Canoa Quebrada in Brasilien, der sumpfige Dschungel zwischen Panama und Kolumbien, die myanmarische Seite des Goldenen Dreiecks und das japanische Inselreich Okinawa. Die Konstruktionen, für die diese Orte stehen, sind Ergebnisse der Globalisierung, und so werden sie in Google-Earth-Geschwindigkeit von Woznicki verknüpft mit historischen Vorläufern, geografischen Parallelen. Inspiration und Information gewinnt er dabei unter anderem aus Postkarten, Hotelbroschüren, Hitchcock-Filmen, Reiseberichten, Militärabkommen, staatlichen Entwicklungsplänen, ehemals tagesaktuellen Nachrichten.
Auch wenn der Leser nicht bei jeder der gelegentlichen Abstraktionsketten mitgehen muss, wird er doch mit sehr vielen Eindrücken, Geschichten und Bildern versorgt. So besteht sowohl die Möglichkeit zur eigenen Interpretation als auch (noch besser) zur Anwendung von Woznickis Methode des - historisch, diskursiv, situationsbedingt, räumlich - geweiteten Blicks auf die eigene Erfahrung von Orten. Für die vielen jungen Leute, die in Ausbildung oder Studium "irgendwas mit Tourismus" machen, müsste es sowieso auf die Literaturliste.
Krystian Woznicki "Abschalten. Paradiesproduktion, Massentourismus und Globalisierung" (Kadmos Verlag Berlin, 238 S., EUR 19,90)
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