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Gisela Elsner

Otto der Großaktionär

18.08.2008, 15:28, Text: Frank Geber

Peinlichst genauer Wiedererkennungseffekt: "Otto der Großaktionär" von Gisela Elsner, geschrieben Ende der Achtzigerjahre, trifft den Nerv der Zeit. Auch wenn es damals noch keine JobCenter gab.

"Otto der Großaktionär", ein im Nachlass Gisela Elsners aufgefundener Roman, spielt im Münchner Arbeitermilieu. Das ist ungewöhnlich für Elsner, Tochter eines Siemens-Vorstandsmitglieds, die sonst immer voller Einfühlungsvermögen und ohne jegliche Sympathie ihr Herkunftsmilieu beschrieb. Der Figur des Otto bringt sie dagegen eine gewisse Sympathie entgegen.


In Elsners 1987 erschienenem Roman "Das Windei" taucht, als Randfigur, ebenfalls ein "Otto der Großaktionär" auf. Ein Arbeiter, "der sich bei jeder Gelegenheit damit brüstete, daß ihm von der Firmenleitung der Ungeziefervertilgungsmittelfabrik die Möglichkeit geboten worden war, fünf Aktien des SEDO-Konzerns käuflich zu erwerben." Im "Otto"-Roman heißt der Konzern FATA, sonst ist vieles ähnlich. Otto, dem das Gift seiner Arbeitsumgebung aus den Poren quillt, sieht sich als "Aktionär" auf der Seite der Firmenleitung. Als sein Arbeitsplatz wegrationalisiert wird, versteht er die Welt nicht mehr.

Wieder einmal - Stichwort T-Aktie, "deregulierte Arbeitsverhältnisse" etc. - war Elsner ihren Zeitgenossen analytisch voraus. (So wie sie etwa mit dem Roman "Fliegeralarm" bereits 1989 quasi eine stichhaltige Antwort auf Jörg Friedrichs "Der Brand" veröffentlicht hat.) Geschichte - siehe IG Farben oder "Arbeit macht frei" - ist auch präsent. Ein Nebentrakt der FATA-Fabrik wird "AUSCHWITZEL" genannt. Das, worum es in "Otto der Großaktionär" geht oder gehen könnte, was verstanden oder in Betracht gezogen werden könnte, passt nicht in den Kram. So musste Walter Hinck in der FAZ schleunigst einiges verdrehen: "Parodie und Satire triumphieren. Sie haben ihr Existenzrecht.

Aber jedes brauchbare Thema gerät in Schieflage, wenn Ideologie die Ästhetik überwuchert. So finden wir hier keine Menschen mit ihren Widersprüchen, sondern alte Stereotypen und Charaktermasken wieder." Ich möchte hier nicht die Authentizitätskeule schwingen, aber ich erkenne Züge einer mir gut bekannten, real existierenden Person in der Otto-Figur peinlichst genau wieder. Heißt das etwas? Auch wer schon mal etwas Zeit auf Fluren des Arbeitsamtes, pardon: JobCenters verbracht hat, wird einiges aus dem sogenannten richtigen Leben in Elsners Roman wiedererkennen. Dieser Roman ist eine Satire und gleichzeitig naturalistisch. Das liegt an den damaligen und derzeitigen Umständen.

Gisela Elsner "Otto der Großaktionär" (Verbrecher Verlag, 172 S., EUR 14)



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aus Intro #164 (September 2008)
 
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