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Bini Adamczak

Gestern Morgen

17.07.2008, 14:32, Text: Tim Stüttgen

Bini Adamczak ist ein rares Pflänzchen im kritischen Kulturbetrieb dieses öden Landes. Als sie vor drei Jahren ihr Debüt "Kommunismus: Eine kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird" herausbrachte, war vieles über sie schon gesagt: Interesse für klare, deutliche Worte und eine nicht-elitäre Sprache.

Ihr Begehren nach Kommunismus wurde sichtbar, und ihr Sinn fürs Geschichtenerzählen. Dass es sich um ein Kinderbuch handelte, nicht um die x-te Marx-Abstraktion für die K-Lesegruppe, ist bis heute sowohl sympathisch als auch brauchbar für jeden Anlass zwischen Kindergeburtstag und neuer Freundschaft. Selten habe ich ein Buch lieber verschenkt. Ganz so einfach liest sich, trotz literarischer Eleganz, ihr neues Werk "Gestern Morgen" allerdings nicht. Dafür ist der formale Anspruch des Unterfangens, in der Manier von Filmen wie "Memento" und "Irreversible" eine Story rückwärts zu erzählen, um die Dimension eines Traumas zu öffnen, zu komplex.


Das verhandelte Trauma ist der Stalinismus, der aber nicht von neuen Philosophen oder zynischen Konservativen generell abgewatscht werden soll. Adamczak betrauert ihn. Das Scheitern des Stalinismus, das im Beginn des Buches mit dem Hitler-Stalin-Pakt dokumentiert ist, steht in seiner brutalen Symbolik bewusst am Anfang. Von dort aus wird langsam bis zum Beginn der Revolution zurückerzählt, als das Klassensystem von der Menge zerstört wurde, die klassenlos leben wollte. Die Potenzialität des kommunistischen Begehrens, so Adamczaks nicht wenig radikale These, kann nur nach einer konkreten Verarbeitung der Tode aller KommunistInnen, die im Namen des Kommunismus ermordet wurden, wieder aktualisiert werden - damit endlich alles anders wird. Das liest sich so emotional, wie es klingt - und könnte auch als Medizin gegen antideutsche Macker oder ahistorisches Parolengelalle verabreicht werden.


Bini Adamczak "Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft" (Unrast Verlag, 159 S., EUR 12)



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aus Intro #163 (August 2008)
 
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