Hanif Kureishi
Untiefen des Alltäglichen
19.06.2008, 15:48, Text:
Kerstin Cornils
Über Deutschland kann sich Hanif Kureishi nur wundern. Erstens überrascht es ihn, dass hier die vorwiegende Hautfarbe seines Publikums weiß ist: Eine derart beschränkte Farbpalette ist der aus England gebürtige Autor nicht gewohnt. Zweitens findet er es seltsam, dass seine deutschen Gesprächspartner immerzu auf der Frage herumreiten, wie man in London als Immigrant lebe.
Zwar ist Kureishi der Sohn eines Pakistaners, aber das macht den in Kent geborenen Autor noch lange nicht zu einem Einwanderer - schließlich sind Muslime auf der Insel mittlerweile so heimisch wie Manchester United und fettige Pommes. Streng urteilt Kureishi, das Konzept der Multikulturalität sei den Deutschen zu hoch. Auf dem Kontinent glaube man noch immer an die Einheit einer teutonischen Rasse. Starker Tobak für eine Nation, die sich spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft einbildet, den Pokal für Weltoffenheit errungen zu haben.
Die Leser hält im Gegenzug nichts davon ab, sich über Kureishi zu wundern. Wie kommt es, dass ein grimmig wie Posh Spice blickender Typ mit "Das sag ich dir" (S. Fischer, 509 S., EUR 19,90) einen derart spritzigen Roman vorgelegt hat? Im Zentrum steht die mit Ödipus- und Dostojewski-Zitaten gespickte Geschichte des Fiftysomething Jamal, der noch zu jung (oder schon zu alt) ist, um seine Zeit mit transzendenten Hoffnungen auf Religionen oder Revolutionen zu verplempern.
Der Unendlichkeit zieht der Londoner Psychoanalytiker Strip-Clubs und den Tratsch mit seiner tätowierten Schwester vor. Doch die Vergangenheit lässt Jamal nicht los: Frei nach Freud kehrt das Verdrängte in Gestalt der Jugendliebe Ajita und eines seit einem Mordfall traumatisierten Freundes in sein Leben zurück. Stets leuchtet hinter Kureishis gebildeten Anspielungen die "Tiefe des Alltäglichen" auf - "all das, was sich in der banalsten Geste oder Phrase verbarg."
Weil Menschen selbst im Chaos von Scheidung und islamistischen Bomben nicht aufhören, nach einer "Welt unter der Welt" zu suchen, besänftigt Jamal seine Midlife-Crisis, indem er Geschichten erzählt oder von der Hammersmith Bridge aus auf die Themse schaut. Für Drogen und Utopien fühlt er sich zu alt. Der Genuss von Konflikten und ein Quäntchen Wahnsinn seien weit heilsamer als Antidepressiva: "Angst zu haben ist normaler, als gar nichts zu fühlen."
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