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Cormac McCarthy

Kein Land für alte Männer

[Rowohlt, 284 S., EUR 19,90]

14.04.2008, 13:20, Text: Kerstin Cornils

Cormac McCarthys "No Country For Old Men" beschreibt die USA als ein Land auf dem Weg in die Hölle. Es geht um hartgesottene Männer, die im Grenzland zwischen Texas und Mexiko dem großen Geld hinterherjagen. Da ist Llewellyn Moss, der eigentlich nur Antilopen schießen will. Als er in der Wüste auf einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar Drogengeld stößt, wird ihm klar, dass in seinem Leben nichts mehr so sein wird wie zuvor.




Der psychopathische Killer Chigurh, gesegnet mit Lapislazuliaugen und einem diabolischen Abrechnungswahn, hat das Zeug zu einer unvergesslichen Kultfigur. Der Dritte im Bunde ist Wells, ein Ex-Elitesoldat, der sich gewaltig verrechnet. Einzig Bell, ein "Hinterwäldler-Sheriff in einem Provinzkaff", hat kein Interesse am Mammon. Er gibt den knorrigen Alten mit dem Herzen am rechten Fleck.

McCarthys Motels an staubigen Straßen sind von hinreißender Trostlosigkeit, seine Gemetzelszenen pulsieren wie Gemälde von Caravaggio. Doch ästhetisch ist in diesem Roman längst nicht alles im Lot. Sorgfältig ist der Autor darauf bedacht, die Gedanken seiner Helden nicht auszuleuchten: Statt von Gefühlen wird von Waffen und Krokodillederschuhen berichtet. Die Ausblendung der Empfindungen korrespondiert mit einer Welt, die aus den Fugen gerät - so weit, so konsequent. Doch McCarthy traut der eigenen Lakonie nicht. Deshalb stellt er den Bösewichten den sympathischen Bell an die Seite und lässt ihn fleißig monologisieren: Sterbehilfe, Abtreibung, Vietnamkrieg, Drogen, mangelnde Umgangsformen und grüne Haare - plötzlich ist die gesamte moderne Zivilisation schuld an den Morden in Texas.

Mit einem wertekonservativen Brei werden die verstörenden Ereignisse zugekleistert. Der Sheriff, der sich nach gerechten Kriegen unter der Obhut Gottes zurücksehnt, ist als Repräsentant des ländlichen Amerika zwar keineswegs unrealistisch. Doch seine moralischen Überzeugungen werden so dick aufgetragen, dass sie die Vielschichtigkeit des Textes konterkarieren. Die Coen-Brüder haben in ihrer Romanverfilmung gut daran getan, Bell in seine Schranken zu weisen. McCarthy muss sich um die filmische Umsetzung jedoch keine Sorgen machen: Seiner Verbannung sämtlicher Frauen in die Küche halten auch die Coens die Treue.


Cormac McCarthy
Kein Land für alte Männer
Rowohlt, 284 S., EUR 19,90



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aus Intro #160 (Mai 2008)
 
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