Zehn Wahrheiten
Miranda July
25.03.2008, 12:11, Text:
Dana Bönisch
Im Klappentext von Miranda Julys Kurzgeschichtenband "Zehn Wahrheiten" heißt es, bei der Autorin werde "das Alltägliche wieder zum Wunder". Ist es etwa alltäglich oder ein Wunder, wenn drei 80-Jährige Schwimmunterricht auf dem Küchenfußboden nehmen? Wenn eine Erdbebenschutzfachfrau, die sich für den Tod hält, eine Obsession für Prinz William entwickelt?
Oder ein Teenager eine Affäre mit einer Art Schatten hat, der jede Nacht in ihr Bett kommt? "Unsere Gespräche führten wir in meinem Blut, oder ich drückte, wenn ich seine Stimme hören wollte, auf meinem Plastik-Casio die Tasten für Fis und das eingestrichene C, und unter diesen Noten war eine weit entfernte, knisternde Stimme zu hören."
Miranda July zählt zu jener Art von Autoren, die unerklärlich gut darin sind, Momente zu schaffen. Ähnlich wie Jeffrey Eugenides und Dave Eggers, beides US-Short-Story-Helden, die sich auch im July-Netzwerk bewegen - mit dem Unterschied, dass "Zehn Wahrheiten" im Grunde ausschließlich aus solchen leuchtenden Augenblicken besteht. (Wer von so viel Schönheit genervt ist, sollte zwischendurch eine deutsche Kurzgeschichte lesen. So als neutralisierenden Zwischengang. Danach gefallen Julys Figuren umso mehr.)
Dass man beim Lesen dazu neigt, die Grundregel des Nicht-Eins-Seins von Autor und Ich-Erzähler zu missachten, mag an Miranda Julys sonstigem Output als Performance-Künstlerin und Regisseurin ("You And Me And Everyone We Know") liegen; immer nimmt sie im eigenen Werk eine zentrale Rolle ein. Weil sich das "Ich" auch hier so omnipräsent auf die verschiedensten Charaktere zersplittert, scheint es fast selbstverständlich, auch den alten Angestellten einer Handtaschenfirma, der schließlich in einem traurig-rauschhaften Akt mit seinem Kollegen schläft, als Teil von ihr zu betrachten. Gender Trouble, so gelesen. Viele der 16 Geschichten sind ein wenig unheimlich, sowohl im Sinne von "spooky" als auch im Sinne Freuds; auch das rührt von Uneindeutigkeiten her. Ist da vielleicht eine "andere" Art von Liebe zwischen Adoptivtochter und Mutter? Liegt da so was wie Sex in der Luft, wenn der kleine Junge von gegenüber die Mittdreißigerin besucht? Immer geht es um Beziehungen, die sich in Randbereichen und Zwischenräumen bewegen - bis dahin, wohin Sprache im Normalfall nicht reicht.
Miranda July "Zehn Wahrheiten" (Diogenes, 252 S., EUR 18,90)
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