Lesungen auf der Litcologne

Cory Doctorow.William Gibson

27.02.2008, 12:31, Text: Wolfgang Frömberg

William Gibson, Altmeister der Science-Fiction, liest in Köln aus seinem 'Quellcode'. Genre-Shooting-Star Cory Doctorow kommt mit 'Upload' zur Litcologne und spricht auch über die Zukunft der Verwertungsrechte. Wolfgang Frömberg stellt beide Marken vor.



Die Science-Fiction-New-Wave der 60er-Jahre - von den Konventionen der führenden SF-Magazine und dem Geruch der Schundheftchen emanzipiert - entwickelte dank meisterhafter Romanciers wie J.G. Ballard ('Crash') und Ray Bradbury ('Fahrenheit 451') eine fantastische realitätsbezogene Energie, die man in manchem Werk der so genannten General Fiction schmerzlich vermisst. Junge Autoren nutzten die steilen Vorlagen in den 80er-Jahren als Antrieb für die eigene literarische Verdichtung einer von technischen Innovationen mehr als sachte umformulierten Gegenwart. Massenweise Kids saßen schon vor ihrem C64, während die älteren Geschwister gegen Atomkraft demonstrierten. Der Kalte Krieg bestimmte die Nachrichten.

William Gibson wurde damals mit seinem Debüt 'Neuromancer' weltberühmt. Seitdem gilt er als Erfinder des Cyberspace und Cyberpunk, was heute noch darauf schließen lässt, dass er mit unkonventionellen - vor allem neuen - Mitteln irre Utopien aufs Papier brachte. Tatsächlich verhält sich seine Erzählweise in Ton und Tempo beispielsweise zu den absurden Storys von Philip K. Dick, der neben ca. 40 anderen Romanen bereits 1968 die Vorlage zu Ridley Scotts \\"Blade Runner\\" verfasste, in etwa so wie der Sound der Sex Pistols zu dem der Kinks.

Gibson wurde wie die Kollegen Bruce Sterling oder John Shirley bald als psychologisch oberflächlicher Ideenliterat kategorisiert, der allerdings die Zukunft zu antizipieren vermag wie die Prekogs, die wir aus Dicks \\"Minority Report\\" kennen. Und als seine Post-New-Wave-Generation vom Fortschritt eingeholt wurde, besann sich ihr Gottvater - welch brillanter Einfall! - eben scheinbar selbst auf den Geist der Gegenwartsliteratur. So wurde sein Roman \\"Mustererkennung\\" aus dem Jahr 2002 - es geht um rätselhafte Clips im Internet und eine Protagonistin, die als Werbelogo-sensibler Coolhunter arbeitet - gerne auch als Abgesang auf das SF-Genre rezipiert.

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aus Intro #157 (Februar 2008)
 
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