Charlotte Roche

Feuchtgebiete

[Dumont, 220 S., EUR 14,90]

18.02.2008, 18:25, Text: Peter Flore, Foto: Sandra Stein
[117 Kommentare]

Das ganze Leben ist Splatter! Findet zumindest Charlotte Roche, die unter dem Pflaster keinen Strand, sondern offene Wunden sucht. In ihrem Roman "Feuchtgebiete" geht es hart zur Sache. Wolfgang Frömberg traf die Autorin in ihrer Kölner Lieblingsbar Elektra.


Charlotte Roche ist "Untenrum-Arbeiterin". Wer das noch nicht wusste, kennt womöglich nur ihre andere Hälfte aus dem Musikfernsehen, wo sie ihre Karriere als Role-Model des starken Mädchens - stets mit Rock über Hose und losem Mundwerk - begann. Oder aus anderen Formaten, mit denen sie ihre TV-Karriere nach dem Ende der Sendung "Fast Forward" bzw. des kompletten Kanals Viva2 fortsetzte, bis sie sich mal wieder selbstbewusst mit den Programmverantwortlichen überwarf.

Vielleicht habt ihr auch nur die im Netz kursierende Aufzeichnung jener Session gesehen, während der sie mit Roger Willemsen, Mieze und anderen Prominenten "Wahrheit oder Pflicht" spielt; laut Charlotte Roche "das sexuellste Spiel überhaupt". Oder ihr habt sie schon ansatzweise als Wissenschaftlerin erlebt - durch ihre Lesungen über "Penisverletzungen" und anschließende Diskussionen. Wusstet ihr, dass Charlotte Roche ein gewisser Mut zur Hässlichkeit attestiert wurde, als sie es bei der Vorstellung eines von ihr erfundenen Dammmassage-Apparats in der "Harald Schmidt Show" wagte, einen falschen Schneidezahn aus dem Mund zu nehmen? So, als mache die Lücke sie weniger schön, aber dafür umso bezaubernder. Und wüsstet ihr das alles zusammen, wärt ihr dann nicht der Meinung, sie sei eine ganz und gar entwaffnende Persönlichkeit?

Wenn die "Untenrum-Arbeiterin" Charlotte Roche bezüglich ihrer Steckenpferdchen jenseits der Gürtellinien sowie unterhalb ranziger Heftpflaster berichtet - frei von der Leber weg, wie sich das einem Abgesandten der schreibenden Zunft gegenüber ziemt -, spricht sie von dem Bretterverschlag, den andere um sich und ihre Wunden und Neigungen, Fantasien und Obsessionen bauen (etwa so, wie reiche Leute ihre Domizile ummanteln, damit ihnen kein Habenichts auf die Pelle rücken kann). Sie selbst ist eine Neugierige, die über Zäune springt oder Löcher hinein bohrt, um denen, die dahinter in Deckung gehen, an die Wäsche langen zu können. Aber gut, das hatten wir eh schon geahnt mit all unserem Wissen über Charlotte Roche. (Was wir eher nicht wissen: Wie spricht man ihren Namen richtig aus?)

Nach der Lektüre ihres Debütromans "Feuchtgebiete" stellt sich aber die Frage, ob auch die Autorin die Charlotte Roche ist, dir wir zu kennen glaubten. Beziehungsweise, wie nahe jene Charlotte Roche und Helen Memel sich eigentlich stehen. Helen ist nämlich die Protagonistin der "Feuchtgebiete" und legt mit einem intimen Geständnis los, das unsere sensible Seite beim Lesen gleich vor den Kopf stoßen könnte: "Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden." Gelogen. Eigentlich ist das gar nicht das Erste, was sie sagt.

Helens Geschichte beginnt mit einer anderen Offenbarung. So naiv wie wahrhaftig. Sie wolle ihre Eltern wieder in ein gemeinsames Bett stecken, wenn sie pflegebedürftig seien und sich nicht dagegen wehren könnten, schickt das Scheidungskind der Erzählung voraus. Die spielt dann bis zum Schluss im Krankenhaus. Wahrhaftig ist die Präambel deshalb, weil wir Helen als Tabubrecherin kennenlernen, die von A wie Arschloch bis M wie Muschi keine Gefahrenzone auslässt, in der es für sie selbst und ihre Autorin - aber auch das lesende Publikum - unangenehm bzw. peinlich werden kann.

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aus Intro #158 (März 2008)
 
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  • User: omg
  • omg 25.02.2008 | 13:42:59

    SPIEGEL: Die Frage, die sich der Leser etwa ab Seite drei stellt, lautet: Wie viel ist erfunden? Lesen wir über den Sex und die Masturbationsphantasien Ihrer Heldin oder die der Charlotte Roche?

    Roche: Etwa 30 Prozent sind erfunden, etwa 70 Prozent bin ich.

    interview

  • ultra grey 25.02.2008 | 15:53:44

    ich glaube, ich habe lust das zu lesen. splatter in romanform gibt es ja viel zu selten und charlotte roche traue ich einige gute dinge zu. ich hab nur ein bißchen angst, dass das ganze zu verkopft angelegt ist.

  • User: zendo
  • zendo 25.02.2008 | 20:33:16

    ich glaube mit splatter hat das nicht viel zu tun, eher mit vermeintlichen tabu-brüchen.

  • User: dieLachsschaumspeise
  • dieLachsschaumspeise 26.02.2008 | 00:37:07
    Eklatanter Verfahrensfehler
    Glaub' ich nicht @ (vermeintliche) Tabu-Brüche - Dafür ist die Roche zu schlau, und geht ihr das Brechen solcher vermeintlicher Tabus, sowie das Tabuisieren von-was-auch-immer vermutlich auch zu sehr am Allerwertesten vorbei.

    Ich will das jetzt auch lesen...damn !!!

  • outroid 26.02.2008 | 00:47:17
    this place is full of spies!
    ich glaube, es geht um eines ihrer lieblingsthemen, der weiblichen körperbehaarung.
    ihre alte masche, verletzungen im intimbereich sind jetzt auch nicht so neu bei ihr, aber kann trotzdem 1 gutes buch sein.

  • User: zilix
  • zilix 26.02.2008 | 09:15:08

    kommt doch im interview ganz gut rüber um was es gehen soll. die diskrepanz zwischen körper-reinheits-schlankheits-wahn und dreckigem-fetten-sex.

  • User: zilix
  • zilix 29.02.2008 | 09:06:53

    ich war dann gestern mal in der lesung. nuja. das buch würde ich mir nicht kaufen, auf dauer wenig originell und zu langweilig erscheinen mir dann feststellungen wie in etwa: "meine hämorrhoiden-wucherungen sehen aus wie blumenkohl", welche dann "mit dem finger im arsch" abgetastet werden. dass sie - also dir protagonistin im buch - ihre schamlippen als vanillekipferl und die klitoris als perlenrüssel bezeichnet, regt auch nicht wirklich auf, bzw. steigert den dstinktionsgewinn. ziemlich dünne story, wie ich finde.

    ihr vermutetes hauptanliegen, nämlich wider des u.a. von der werbung vermittelten frauenideals, dieses scheint mir beim lesen des buches kaum zum ausdruck zu kommen und wird wohl aufgrund der deftigkeit eher überlesen. da war die anschließende diskussion schon interessanter und lustiger. bei publikumsfragen wie: "gibt es auch bilder im buch" oder "sollte nicht roger willemsen nicht ein ähnlich gelagertes männerbuch schreiben?" reagierte charlotte roche gewohnt souverän, charmant und hatte die lacher auf ihrer seite.

  • timbo1980 11.03.2008 | 19:17:16

    Hmm.. Ich habe es noch nicht lesen können, aber meine Freundin hat mir einen Videoblog geschickt, in dem die erste Seite gelesen und diskutiert wird, und ich muss sagen, sie hats schon in sich. Bin nicht sicher ob das jetzt mutig ist, oder einfach die weibliche Seite von "Aggro Berlin"-mäßigen ekel-sex-texten..
    Hier der Blog:
    http://www.ivyworld.de/ivy_tv/blogs/taeglich-blog-folge-66_aid_2074.html
    Ich fand Charlotte immer sehr sympatisch und intelligent, und werd mir auf jeden Fall ne eigene Meinung bilden..

  • ösel 11.03.2008 | 22:27:35
    Polterkowski & Söhne
    Bei JBK hat man ja gesehen, wem das allerhöchstens überhaupt noch die Schamesröte ins Gesicht treibt: Deutsch und Geschichte unterrichtenden Seidentuchträgerinnen. Shocking.

  • blood red shoes 14.03.2008 | 17:15:23
    einsame sternenprinzessin
    das wird wohl ein echter indie klassiker. erinnert mich an kracht. mir ist jetzt noch schlecht.

  • User: Nebelherz
  • Nebelherz 14.03.2008 | 20:34:30
    flitzmaster piep
    mal bei youtube "charlotte roche" eingeben, da gibts diverseste interviews und ausschnitte aus lesungen, da wird vieles (noch) klarer.

  • User: Nebelherz
  • Nebelherz 02.04.2008 | 15:51:24
    flitzmaster piep
    ich hab das hörbuch gehört, weil ich die seltsame art mag, auf die sie liest und es war glaube ich nicht die schlechteste entscheidung. mir war so gut wie nie schlecht, nur bei den sehr schmerzhaften stellen ein bisschen.
    ich fand es aber leider leider irgendwie inhalts- oder bedeutungsarm, das ende eigentlich ein bisschen billig.
    schade.
    aber trotzdem irgendwie gutes buch "und so".

  • User: RenniDemmy
  • RenniDemmy 02.04.2008 | 17:56:36
    kognitive dissonanz
    inhalts- und bedeutungsarm triffts wohl. gutes buch imo nicht. ich habs nur zu ende gelesen, weil ich 15 euro geblecht habe und weil ich das dilemma in bezug auf die elterliche scheidung berührend fand, wohl berufliches interesse.

    jetzt hat meine mutter es. sie meinte, als ich vom kauf berichtete: hab ich im fernsehen was drüber gesehen. (dann, leiser:) ist pervers, oder?!

    haha, süss, meine mama!

  • User: Nebelherz
  • Nebelherz 02.04.2008 | 18:45:32
    flitzmaster piep
    finde ich beeindruckend, das der mutter zu geben.
    gut finde ich das anliegen, gegen hygiene- und rasurzwang zu sein.
    gut finde ich auch den sehr selbstverständlichen (wenn auch bisschen überstrapaziert) gebrauch von wörtern wie muschi oder schwanz oder sonstwas. doof, dass man da "und das von einer frau!" zumindest im hinterkopf hat. und dann doch dazusagt...

  • retox 02.04.2008 | 19:53:10
    haltbar bis 30.09.08
    ohne den namen charlotte roche hätte sich das buch wohl maximal zwölf mal verkauft...

  • retox 02.04.2008 | 21:47:07
    haltbar bis 30.09.08
    nee, das war auch nur eine feststellung.
    würd ich an ihrer stelle nicht anders machen.
    "retox abenteuer im niedlichen katzi-universum " wäre sicherlich ein bestseller =D

  • User: RenniDemmy
  • RenniDemmy 02.04.2008 | 22:10:15
    kognitive dissonanz
    finde ich beeindruckend, das der mutter zu geben.

    warum? sie ist erwachsen, wollte es lesen, hat mir dafür irgendnen scheiss von ildiko von kürthy oder so gegeben, so what?

    außerdem ist sie doch nicht gegen rasurzwang, die helen. die lässt sich doch dauernd rasieren. muschi und schwanz finde ich jetzt auch nicht wirklich ungewöhnliche worte für den alltäglichen sprachgebrauch unter äh..bekannten oder so.

  • User: linus volkmann
  • linus volkmann 04.04.2008 | 04:52:35
    während du schliefst
    ich mag gerne an dem buch, dass es nicht umfunktioniert werden kann zu so einem indiesex-pinup-ding. denn man merkt schnell, dass der grundekel keine koketterie ist sondern einziger antrieb. dennoch musste ich es nach der hälfte ausmachen, weil es derart mono-spektakulär ist, dass sich alles ab einem punkt wirklich nur wiederholt. aber als mainstream-ding, dass die status-quo-disziplinierung des weiblichen körpers derart zerbombt, ist es doch äußerst gelungen.

  • User: otic
  • otic 04.04.2008 | 12:09:04
    You can call me John!
    Zu dem Buch eine bezeichnende Episode:

    Das Buch verkauft sich ja momentan wie blöd, nach meiner Wahrnehmung hauptsächlich an Leute, die rein äußerlich ziemlich gut in die Intro-Community gehören könnten.

    Allerdings habe ich das Ding vor ein paar Tagen an ein paar aufgestylte türkische Jungs verkauft, die gezielt nach dem "Ekelbuch von der VIVA-Tante" gefragt haben. Die haben dann die 14,90 EUR in Kleingeld zusammengekratzt, und quasi direkt im Laden angefangen zu lesen - natürlich explizit die "Ekelszenen", und mit hysterischem Gekreische & "Alter, ist das krass!"-Ausrufen kommentiert.

    Die wirkten ähnlich schockiert wie die Roots im Reaction-Video zum "2 Chicks"-Filmchen.

    Auch eine Art von Aufklärung...

  • User: jette
  • jette 09.04.2008 | 19:42:27

    gegen rasurzwang ist nicht helen, aber charlotte roche. schließlich kriegt man vorgeführt, was beim (anal) rasieren schief gehen kann. das könnte man doch als warnung an den leser sehen.

    ich sehe nur männer mittleren alters und langen haaren in der u-bahn das buch lesen (kein intro-publikum!). aber wenn ich blickkontakt aufnehmen will und ihnen wissend zulächle, schauen sie nicht zurück...

    ich habe angefangen, das buch als großes ganzes zu sehen, als auflehnung gegen hygiene-zwänge und -disziplinierung. im detail und von der story bleibt nach einer woche nicht viel hängen, aber das ist okay.

    mich hat der umgang mit der scheidung der eltern auch berührt.

    aber Nebelherz, was soll der scheiß mit "und das von einer frau"? wenn dir der normale gebrauch von "muschi" und "schwanz" als positiv aufällt, was sagst du dann dazu, was sagt dein umfeld dazu? strange...

  • User: Fincher
  • Fincher 09.04.2008 | 19:49:35
    North Rhine-Westphalian Scum
    Ich wüsste nicht einmal, warum ich den Scheißdreck lesen sollte, wenn es das letzte Buch auf diesem Planeten wäre.
    Aber öfter mal mit der Muschi nachwischen, Mädels!

  • User: Nebelherz
  • Nebelherz 09.04.2008 | 19:59:31
    flitzmaster piep
    ich würde mittlerweile sagen, dass helen doch auch gegen den rasurzwang ist:

    "da bei mir der arsch offensichtlich zum sex dazugehört, ist er auch diesem modernen rasurzwang unterworfen..."
    "früher war ich unrasiert sehr glücklich, aber dann habe ich mit dem quatsch mal angefangen..."
    "weil ich mich innerlich sehr gegen das rasieren wehre..."

    zum rasieren ist sie ja via kanell gekommen und für sie war es, würde ich sagen, ein aufregendes sexspiel. es ging ihr also nicht ums rasiertsein, sondern um das erlebnis.

    diese ganze scheidungssache fand ich leider eher nicht so. weil... scheidungskind - sucht sehr stark nach "liebe"/nähe usw. das war mir irgendwie zu billig.

    wieso denn scheiß?
    ich verstehe deine frage ehrlich gesagt nicht so ganz.
    mit "und das von einer frau" wollte ich sagen, dass ich das bisher entweder in pornographischen büchern vermutet hätte (die, vermute ich, in der großen mehrzahl von männern verfasst ist), oder in irgendwelchen mehr oder weniger chauvihaften männerbüchern.

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